Carols Wäsche

Wie eine australische Erfindung Deutschlands Wäschepraxis beeinflusste

Carols bunte Wäsche - Foto: onm
Carols bunte Wäsche hängt auf einer Wäscheleine – ein ursprünglich australischer Brauch – Foto: onm

Kaum lassen sich Sonnenstrahlen hinter’m Haus blicken, zieht es Carol ins Grüne.

Richtig gelesen, nur wenn Sonnenstrahlen hinter dem Haus erstrahlen, denn dort befindet sich eine große Wiese, wo im Sommer gegrillt werden kann, wo man Fußballspielen kann, wo man nachts mit dem Teleskop den Mond vergrößern kann und … wo lange Wäscheleinen zwischen zwei Meter hohen Ständern in nur geringem Abstand zum Haus gespannt sind. Und die muss man nutzen, meint Carol, dazu sind sie schließlich da.

Und Carol wäscht gerne und oft, die Wäsche von ihrem Mann und ihre eigene – von bunter Bettwäsche über schwarze und farbige Kleidung bis hin zu pinkfarbenen BH’s und Slips. Letztgenanntes leuchtet so schön in der Sonne und hebt sich unglaublich gut von dem Grün der Wiese ab, ein echter Blickfang zwischen Hausfassade und Gemeinschaftsrasen. Die Wäsche trocknet ja schnell bei Sonne und leichtem Wind, also wird sie nach wenigen Stunden bereits durch andere Wäsche ersetzt. Bis zum Abend, da entfernt Carol die Wäsche, damit sie nicht gestohlen wird.

Die Nachbarn von nebenan und aus den oberen Etagen, wo auch Carol lebt, wollen natürlich mitmachen. Sie hängen ebenfalls ihre Wäsche auf die Leine, wenn Carol gerade außer Reichweite ist. So ergibt sich ein ständig wechselndes, bewegliches Farbenspiel direkt vor den Fenstern im Erdgeschoss, die eigentlich einen Blick in die Natur gewährleisten sollten.

Wohnen wie im Urlaub“, hieß es ja in der Wohnungsanzeige. War das nur ein Lockangebot oder steckt da vielleicht ein wenig Wahrheit drin? OctoberNews ist der Sache auf den Grund gegangen.

Zuerst muss man natürlich an Italien denken, an die Altstadtecken, wo gerade in engen Gassen Wäscheleinen auf Seilwinden zwischen Häuserfassaden gespannt werden. Die aufgehängten Wäscheteile wehen dann hoch oben über dem Gehweg wie Girlanden bei einer Innenstadtparty. Wehe dem, der die Wäsche vorher nicht ordentlich auswringt, könnte zu rutschigen Tatsachen und nasser Kleidung am Boden führen – zumindest würde man angenehm duften, wenn man die Gasse durchquert.

Diese Hochwäscheleinen sind vor allem in Venedig und Napoli zu finden. Überhaupt bietet es sich natürlich eher in südlichen Ländern Europas und warmen Ländern auf dieser Erde an, Wäsche im Freien zu trocknen. Das “Urlaubs-Feeling” ist also schon mal gegeben – denn welcher Deutsche stört sich in Italien an den Wäscheleinen? Dieses Utensil macht doch das Stadtbild so außergewöhnlich, schließlich dient es vielen als Fotomotiv.

Doch nicht überall auf der Welt stößt der Anblick von Wäscheleinen auf Anklang. In einigen Regionen der Vereinigten Staaten, wie z. B. Kalifornien, sind Wäscheleinen in Wohngebieten überhaupt nicht gern gesehen, da man sie meist mit Armut bzw. Gettos verbindet und sich manche Menschen durch den Anblick fremder Wäschestücke, vor allem Dessous, gestört fühlen. So wurden in einigen Orten sogar Verbote gegen öffentlich sichtbare Wäscheleinen verhängt.

Aus deutschen Stadtbildern nicht mehr wegzudenken, die Wäscheleine. Foto: onm
Aus deutschen Stadtbildern nicht mehr wegzudenken, die Wäscheleine. Foto: onm

Als Erfinder der Wäscheleine kann man im Grunde genommen den Höhlenmensch nennen, der die nassen Felle der Jäger und Sammler irgendwo trocknen musste, angefangen mit Lianen bis hin zu selbstgedrehten Sisal- und Hanfseilen.

Die Wäscheleine aus Kunststoff bzw. mit oder ohne Stahldraht- und/oder Polypropylenkern mit Kunststoffummantelung, wie man sie heute überall hängen sieht, ist eine Weiterentwicklung der herkömmlichen Wäscheseile. Man erhält sie in vielen verschiedenen Ausführungen, Materialzusammensetzungen und Farben. Sie sind reißfest, wetterbeständig, abwaschbar und rutschfest. Als berühmte australische Erfindung wird gern die Hills-Hoist-Wäscheleine (1946) erwähnt, die in ihrer Ursprungsform bis heute in Australien vorwiegend auf sog. Wäschespinnen zum Einsatz kommt.

Der australische Schmied Gilbert Toyne, einer von 13 Kindern in seiner Familie, hatte jedoch lange vorher die Notwendigkeit für eine verbesserte Wäscheleine erkannt. So konnte er im Jahr 1911 gemeinsam mit seinem Kollegen Lambert Downey sein erstes Patent auf “Verbesserungen einer Kleidungsleine und dergleichen” (frei übersetzt, australisches Patent Nr. 1276/11) anmelden. Dies war die erste “runde” Wäscheleine. Danach folgten bis in die 1930er Jahre etliche Patente auf Drehkleiderzüge und rotierende Wäscheständer, die den australischen Markt wie auch Neuseeland eroberten.

Wie die Wäscheleine letztendlich nach Deutschland kam, ist unklar, muss ja irgendwann verschifft worden sein. Sie hat sich jedenfalls bis in die moderne Zeit durchgesetzt und findet sich heute auf Dachböden, Balkonen, gespannt zwischen Wäscheständern und Wäschespinnen oder Hausfassaden, wie eben auf Hinterhöfen, in Gärten und hinter Wohnblöcken wieder. Eigentlich ein nützliches Utensil, was aus keinem Stadtbild weltweit mehr wegzudenken ist.

Doch mit der modernen Gesellschaft und ihren futuristischen Vorstellungen kommt auch die Veränderung. “Ambiente” heißt seit ein paar Jahren das neue Zauberwort: Alles soll sauber, adrett, ansehnlich, frei von “schädlichen Einflüssen” sein, die den Marktwert eines öffentlichen oder privaten Objektes finanziell stören könnten. Denn wir befinden uns in einer kapitalistischen Zeitära, wo alles und jeder in Geld aufgewogen wird. Dementsprechend passen öffentlich sichtbare Wäscheleinen und vor allem daran aufgehängte Wäschestücke wie Unterwäsche, blue Jeans und Co. so gar nicht mehr ins Immobiliengefüge.

Auf der Wäscheleine bleiben Pullis kuschelweich. Foto: onm
Auf der Wäscheleine bleiben Pullis kuschelweich. Foto: onm

So findet man z. B. in der dem Mietvertrag beigefügten Hausordnung Anordnungen, wie etwa: Wäsche ist auf dem Balkon bzw. der Loggia nur unterhalb der Brüstung aufzuhängen, sodass sie von außen nicht sichtbar ist”. Interessanterweise sind aber direkt hinter dem Haus auf einer weitläufigen Wiese lange Wäscheleinen an Ständern aufgestellt, wo Bürger wie Carol ihre Wäsche aufhängen können und dürfen. Sind diese unsichtbar? Ach ja, wenn Immobilienanzeigen Fotos zeigen, sind die Häuser ja nur von vorn zu erkennen.

Im Laufe der Neuzeit wurde dann schließlich irgendwann der Wäschetrockner erfunden, um den “unschönen Anblick” von Wäscheleinen und deren draufgehängten Utensilien aus dem Weg räumen zu können. Da gab es nur ein Problem: Dieses Waschmaschinen-große Gerät verbraucht Strom und Platz. Außerdem können nicht alle Wäscheteile damit getrocknet werden, da das eine oder andere gute Stück aufgrund der enormen Hitze, was das Gerät produziert, schrumpfen kann – aus dem Mohairpulli der Dame von Welt wird dann schnell eine verschrumpelte Puppenkleidung.

Also greift Carol wieder zurück zur guten alten Wäscheleine. Die Wäsche braucht zwar gerade im Winter (z. B. auf dem Dachboden) etwas länger zum Trocknen, dafür duftet sie gut, läuft nicht ein und ist kuschelweich wie am ersten Tag.

Und schließlich beginnt jetzt die Sommerzeit, da lohnt sich doch wieder das Trocknen der Wäsche draußen hinterm Haus. Ist zwar für andere Artgenossen manchmal ein prekärer Anblick, kann man aber wunderbar mit Grillsessions und Fußballspielen auf der Wiese verbinden – ein Ereignis für die ganze Familie. ;o)

Quelle: Wikipedia, allgemeine Internetquellen


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