Bombe an Schachtschleuse Minden gefunden – wir fassen zusammen

An Aschermittwoch, 18. Februar 2015, ist eine Fliegerbombe auf der Baustelle der Schachtschleuse in Minden gefunden worden

Fotos/Audio: onm
Eine weiträumige Absperrung rund um die Schachtschleuse musste aufgrund eines Bombenfunds vorgenommen werden – Foto + Audio: onm

Innerhalb eines halben Jahres erschütterte ein weiterer Bombenfund die Bürger der westfälischen Stadt Minden, dieses Mal am Aschermittwoch, den 18. Februar 2015, an der Schachtschleuse, was nicht nur zur Evakuierung der Einwohner, sondern auch zur Sperrung der Schifffahrt auf dem Mittellandkanal führte. Wieder konnte Feuerwerker Karl-Heinz Clemens die Bombe erfolgreich entschärfen.

Ende Juli letzten Jahres wurde eine doppelt bezünderte amerikanische Fliegerbombe bei morgendlichen Bauarbeiten im Stadtteil Rodenbeck vor einem Penny-Markt entdeckt. Rund 5000 Menschen mussten evakuiert werden (siehe unser Bericht). Auch beim gestrigen Fund an der Schachtschleuse Minden handelt es sich um eine 1000 Kilo schwere Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, welche die Besatzung eines Schwimmbaggers gegen 10.15 Uhr bei Bauarbeiten im Bereich des Verbindungskanals Nord auf Höhe der Kanaleinfahrt zum Bauhafen entdeckte. Dank Karl-Heinz Clemens vom Kampfmittelräumdienst aus Arnsberg konnten beide Bomben entschärft werden. Doch die Mindener Bürger sind gezeichnet von den schlaflosen Nächten.

Foto: onm
Ein Blick vom Friedrich-Schlüter-Weg aus zeigt die hell erleuchtete Schachtschleuse, wo die Bombe gefunden wurde – Foto: onm

„Ich wohne direkt hinter der Absperrung“, erzählt uns ein Mann mittleren Alters, der gegen 21 Uhr gut eingepackt gegen die Winterkälte mit seinem Fahrrad am Friedrich-Schlüter-Weg direkt gegenüber der Kreispolizeibehörde Minden-Lübbecke steht und darauf wartet, dass die Evakuierung aufgehoben wird. „Auch letztes Jahr musste ich schon raus. Und ich muss morgen früh um 3 Uhr wieder zur Arbeit.“ Auf die Frage hin, warum er denn nicht die Polizisten fragen würde, die direkt vor der Wache an der Marienstraße auf ihren Einsatz warteten, ob er sich dort unterstellen könne, um sich aufzuwärmen, antwortete er: „Nein, lieber nicht. Das sind doch Bullen.“ Nachdem wir ihn aufklärten, dass sie doch „nicht beißen“ würden und ganz zugänglich sind, brauchte er wohl einen Moment Gedenkzeit, um sich – nachdem wir weiterliefen – wohl doch zu überwinden und bei der Polizei Schutz gegen die Kälte zu finden.

Auch ein jüngerer Mann saß eingemummelt in Winterkleidung in der Nähe auf einer kalten Grundstückssteinmauer mit Smartphone in der Hand, um wohl die aktuellen Meldungen zur Evakuierung abzurufen. Er entschied sich dazu, an dieser Stelle zu warten, bis er wieder in seine Wohnung zurückkehren kann. Währenddessen schaute eine junge Frau aus dem Fenster des villenähnlichen Altbaus, die es sich auf dem Fenstersims ihrer Wohnung bequem machte und das Treiben verfolgte. Alles in allem war es zwischen 20.30 Uhr und 22.30 Uhr, als wir unterwegs waren, ziemlich still auf den Straßen Mindens, nur vereinzelte Fahrzeuge, Fußgänger und Radfahrer waren zu sehen.

Das Einzige, was laute Geräusche machte, war ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera, der über das Evakuierungsgebiet kreiste, um feststellen zu können, ob sich noch Personen oder Fahrzeuge unbefugt in dem Gebiet aufhielten. Das hörte sich so an:

Aus Recklinghausen wurden Kräfte der Bereitschaftspolizei angefordert. Auf dem Großraumparkplatz Kanzlers Weide gegenüber der Innenstadt versammelte sich gegen 22.15 Uhr ein Großaufgebot der Freiwilligen Feuerwehr, der Johanniter-Unfall-Hilfe, des Deutschen Roten Kreuzes und der Malteser aus Gütersloh, Bielefeld und Minden für den Notfall. Der Malteser Hilfsdienst aus Gütersloh leistete als Teileinheit mit neun Fahrzeugen seit 15.30 Uhr überörtliche Hilfe und transportierte bettlägrige und kranke Menschen aus Privatwohnungen in die Kampa-Halle, die als Auffanglager hergerichtet wurde. Das Deutsche Rote Kreuz war mit einem Patiententransport-Zug („PT-Z 10 NRW“) aus Steinfurt tatkräftig vor Ort.

Die Johanniter-Truppe der Einsatzeinheit „EE04“ aus dem Kreis Minden-Lübbecke ist auf Patiententransporte spezialisiert – ob sitzend, liegend oder mit Rollstühlen – und konnte ab 16.15 Uhr rund 45 Personen aus Privathäusern zu den Sammelstellen Kurt-Tucholsky-Gesamschule in Dankersen und Kampa-Halle bringen. Zugführer Manuel Tuecke betonte, dass sie neben acht Fahrzeugen und einem Motorrad auch extra mit einem Technikfahrzeug anrückten, das mit Strom, Heizung, Abschleppseilen und anderen notwendigen Dingen ausgerüstet ist.

Zig Einsatzwagen standen für den Notfall auf Kanzlers Weide zur Verfügung - Foto: onm
Zig Einsatzwagen standen für den Notfall auf Kanzlers Weide zur Verfügung – Foto: onm

Haupteinsatzleiter Axel Miller von der Freiwilligen Feuerwehr, die ebenfalls mit zahlreichen Fahrzeugen auf den „hoffentlich nicht eintretenden“ Notfall wartete, war zwar ein bisschen „mundfaul“, konnte uns aber dennoch den Tipp geben, dass die Bombenentschärfung gegen 23.30 Uhr stattfinden sollte.

Und so kam es auch. Allerdings begann man mit der Entschärfung schon um 22.15 Uhr, und Punkt 23.15 Uhr wurden beide Zünder des 20-Zentner-Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich gemacht, der zuvor über 13 Stunden in der Schaufel eines Schwimmbaggers im nördlichen Bereich der Schachtschleuse über dem Wasser ruhte:

Foto: Pressestelle Minden
In der Schaufel dieses Schwimmbaggers ruhte die gefundene Bombe bis zur Entschärfung – Foto: Pressestelle Minden

Und so sieht das gefährliche Teil aus, was nicht nur unter der Mindener Bevölkerung – insbesondere bei Twitter unter dem Hashtag #mindenbombe – für Aufruhr sorgte:

Bombe Schachtschleuse Minden - Foto: Feuerwehr Minden / Pressestelle Minden
Bombe Schachtschleuse Minden – Foto: Feuerwehr Minden / Pressestelle Minden

Schwierig war laut Clemens, dass sich die Bombe zu Dreivierteln unter Wasser befand, sodass der zweite Zünder zunächst nicht erkennbar war – für den Fachmann eine kleine Premiere.

3045 Einwohner, darunter zwei Behindertenwohnheime in der Nähe der Schachtschleuse, im 1000-Meter-Radius um den Bombenfund mussten bis 18 Uhr großräumig evakuiert werden, wobei sich dies, wie im Juli 2014, als teilweise schwierig erwies, da manche Bewohner einfach nicht ihre Häuser verlassen oder „noch schnell“ mit ihren Fahrzeugen durch die Evakuierungszone fahren wollten. Gegen 15 Uhr hatte die Polizei mit Unterstützung der Städtischen Betriebe damit begonnen, die Straßen zu sperren. Die Bauarbeiten an der Schachtschleuse wurden eingestellt.

Karte Evakuierungsgebiet - Quelle: Pressestelle Minden
Karte Evakuierungsgebiet – Quelle: Pressestelle Minden

Neu war beim gestrigen Bombenfund, dass auch der Schiffsverkehr auf dem Mittellandkanal zwischen 20 Uhr und 23.15 Uhr gesperrt werden musste. Etliche Boote der Wasserschutzpolizei sorgten dafür, dass kein Schiff den Gefahrenbereich befahren konnte. Zudem mussten umliegende Betriebe geräumt werden. Es wurden zwei Telefonhotlines eingerichtet, eine für alle Bürger und eine speziell für pflegebedürftige Personen. Zudem gab es einen öffentlichen Aufruf und Warnung der Stadt Minden (s. PDF-Datei).

Ab 16.30 Uhr wurde ein Bus-Shuttleverkehr für die betroffenen Einwohner zu den Anlaufstellen Kampa-Halle und Kurt-Tucholsky-Gesamschule in Dankersen eingerichtet. Es gab zwei Routen – auf dem linken und dem rechten Weserufer. Wobei bis zu 250 Personen in die Kampa-Halle befördert wurden bzw. selbst dort eintrafen. Die übrigen Evakuierten sind wohl bei Verwandten, Freunden oder Bekannten untergekommen. Für Schulkinder, die mit dem Bus unterwegs waren und nicht an ihrer üblichen Haltestelle aussteigen konnten, ist mit den Busunternehmen geregelt worden, dass diese die Kinder auf dem rechten Weserufer zur Friedrich-Wilhelm-Straße Ecke Windmühlenstraße und auf dem Linken Weserufer zum Bahnhof Oberstadt gefahren werden. Die Stadt Minden setzte dort Sozialarbeiter ein, sodass die Kinder nicht alleine waren. Eltern konnten ihre Kinder dort abholen.

Ein Einsatzfahrzeug der XXX hielt mitten auf der XXXstraße - Foto: onm
Ein Krankenwagen hielt mitten auf der Straße, und das Blaulicht und der aussteigende Beifahrer signalisierten, hier geht’s nicht weiter – Foto: onm

Gegen 22 Uhr traf dann die letzte zu evakuierende Person in der Kampa-Halle ein – ein stark übergewichtiger Mann musste in einem Spezialrollstuhl transportiert werden.

Die entschärfte Bombe wurde schließlich auf einen Lkw verladen und abtransportiert. Die Evakuierung ist kurz danach vom Kreis-Krisenstab aufgehoben worden. Die Einwohner konnten in ihre Wohnungen und Häuser zurückkehren.

Für den Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes, Karl-Heinz Clemens, sowie für die rund 620 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei, Hilfsorganisationen und Mitarbeiter in den Krisenstäben von Kreis und Stadt war es eine lange Nacht. Mit Ende der Pressekonferenz um 0.45 Uhr verabschiedeten sich die Einsatzleitungen und letzten Einsatzkräfte aus dem Rathaus.

Pressekonferenz nach der Bombenentschärfung (auf dem Foto von links): Kreisdirektorin Cornelia Schöder, Erster Beigeordneter Peter Kienzle und Kampfmittelbeseitigungsexperte Karl-Heinz Clemens
Pressekonferenz nach der Bombenentschärfung: (v. li.) Kreisdirektorin Cornelia Schöder, Erster Beigeordneter Peter Kienzle und Feuerwerker Karl-Heinz Clemens – Foto: Pressestelle Minden

Wir danken an dieser Stelle allen Einsatzkräften zu Lande und zu Wasser, Feuerwerker Karl-Heinz Clemens sowie der Stadt Minden für den beispielvollen Einsatz am gestrigen Tage.

Laut einem Interview auf YouTube vom 02.09.2010 mit Volker Bensiek vom WSA waren bereits zu diesem Zeitpunkt Bombensuchtrupps an der Schachtschleuse unterwegs, damit das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) ausschließen könne, dass beim Bau der neuen Schachtschleuse ein Blindgänger hochgeht. Denn „Eisenbahnen und Viadukte etwa waren Angriffsziele im Zweiten Weltkrieg“, erklärte Bensiek. Da die damaligen Untersuchungen nichts ergeben hätten, hatte man ein Großteil der Baustelle freigegeben.

Nicht auszumalen, wenn die gefundene Bombe hochgegangen wäre. Letzten Endes kommt dem Aschermittwoch da doch eine ganz andere Bedeutung zu … <Gänsehaut>


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