Anstatt Kino neues Jobcenter in Mindener Altstadt

Jobcenter zieht in ehemaliges Volksbank-Gebäude mitten in der Altstadt von Minden

Fotos: onm
In diesem Volksbank-Gebäude entstehen zurzeit neue Räume für das Jobcenter Minden – Fotos: onm

Ohrenbetäubender Lärm tönt aus dem Gebäude der ehemaligen Volksbank mitten in der Altstadt am Marktplatz. Das neue Jobcenter Minden soll hier eingerichtet werden. Es hätte hier jedoch ein Kino entstehen können.

Wer zurzeit in Ruhe in der Altstadt von Minden flanieren will, hat schlechte Karten. Von allen Seiten herrscht Baulärm. Insbesondere aus dem Hause der ehemaligen Volksbank und vonseiten des „Scharn„, der Einkaufsmeile auf Höhe des Rathauses am historischen Marktplatz.

Wir treffen uns gerade mit dem kandidierenden Bürgermeister Jürgen Schnake und der Autorin Frau Dr. Piras im „Almundo“ – ein italienisches Restaurant auf dem Marktplatz -, die demnächst ein neues Projekt vorstellen werden (Exklusivbericht folgt). Doch im Außenbereich ist eine Unterhaltung im normalen Gesprächston nicht möglich.

Denn ein Bauarbeitertrupp ist gerade dabei, den Boden des Innenbereichs der ehemaligen Volksbank Mindener Land eG mit Abbruchhämmern aufzureißen. Hier soll das Jobcenter Minden und das Amt proArbeit Minden-Lübbecke reinkommen, deren Mitarbeiter zurzeit im ehemaligen Sparkassen-Gebäude gegenüber dem Dom zu Minden untergebracht sind. Auf Anregen der Volksbank stand jedoch ein Kino in Rede, was damals auf große Zustimmung unter den Mindener Bürgern stieß.

Gleichzeitig hört und sieht man große Lkws und Bagger, die gerade am „Scharn“, die Einkaufsmeile in der Innenstadt, auf Höhe des Rathauses das Pflaster aufreißen – ein Gehwegpflaster, was bereits vollständig fertiggestellt war und nun wohl nach „günstigen“ Pfuscharbeiten ein zweites Mal komplett erneuert wird. Ein Flanieren durch die Altstadt ist kaum möglich, da einem riesige Baumaschinen entgegenkommen. Diese Pflasterarbeiten in der Mindener Innenstadt haben im Mai 2014 angefangen und nehmen anscheinend kein Ende. Fertigstellungstermin ist lt. Berichten auf November dieses Jahres angesetzt, damit der Weihnachtsmarkt nicht gefährdet sei. Doch das „merk-würdige“ Minden feiert bereits am 27. und 28. September 2014 das zurzeit fertiggestellte Pflaster (der „Scharn“ ist ja lang) mit einem „Baustellenfest mit Baggerfeeling“.

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Baustellenfahrzeuge reißen das Innenstadt-Pflaster am Rathaus Minden erneut auf

Nun gut, bleiben wir bei dem großen ehemaligen Volksbank-Gebäude mitten in der Altstadt am Marktplatz. Eine Fassade des Gebäudes zeigt ja Richtung Altstadt-Marktplatz und die Rückseite Richtung ZOB (Zentraler Omnibus Bahnhof), Hauptverkehrsstraße und Weser. Diese Rückseitenfassade wurde laut Berichten von mt.de nach Entwurf der Volksbank-Auszubildenden Lara Nahrwold mit Windmühle, Brücke und Kaiser-Wilhelm-Denkmal von Auszubildenden in Zusammenarbeit mit der Maler- und Lackiererinnung Minden-Lübbecke schön verziert. Damit wollte Lara Nahrwold eigentlich den „regionalen Charakter der Genossenschaftsbank“ betonen.

Doch es kam in Minden mal wieder alles ganz anders. Da das Jobcenter Minden und das Amt proArbeit Minden-Lübbecke mit ihren Räumen im ehemaligen Sparkassen-Gebäude nicht zufrieden waren – angeblich zu kleine Räume, Trennung beider Ämter nicht sinnvoll usw. (siehe Bericht mt.de vom 16.11.2012) – zogen sie das Volksbank-Gebäude in Betracht und bekamen den Zuschlag, was damals schon für Aufruhr unter den Mindener Bürgern sorgte. Denn wie kann es sein, dass eine Immobilie in Top-Lage nicht für eine attraktive Shop-Ansiedlung oder zum Beispiel ein Lichtspielhaus genutzt wird.

Denn tatsächlich stand ursprünglich eine Nutzung als Kino im Raum. Bereits im Juli 2011 hatte sich Vorstandsmitglied Peter Scherf laut mt.de von der Volksbank Mindener Land eG darüber gewundert, dass sein Vorschlag im Bauausschuss nicht mit aufgeführt wurde, als alle Standorte genannt wurden. Die Volksbank wollte nämlich zu diesem Zeitpunkt ihre Liegenschaft am Markt verkaufen. „Selbst die Nachbarn wurden befragt und waren mit der Errichtung eines Kinos einverstanden“, ergänzt Jürgen Schnake.

Doch die Aufregung nützte nichts. Aus der Volksbank wird ein Jobcenter – mitten im Herzen von Minden.

Peter Kienzle, Verwaltungsvorstand und Erster Beigeordneter für den Geschäftskreis Soziales, stellt im Haupt- und Finanzausschuss am 15.11.2012 das neue Projekt Jobcenter vor - Foto: Jürgen Schnake
Peter Kienzle, Verwaltungsvorstand und Erster Beigeordneter für den Geschäftskreis Soziales der Stadt Minden, stellt im Haupt- und Finanzausschuss am 15.11.2012 das neue Projekt Jobcenter vor (rechts im Bild: Stefan Schröder / Linke / Mindener Rundschau) – Foto: Jürgen Schnake

Spontan fiel uns die Frage ein: Wird sich der Haupteingang für Arbeitslosengeld-II-Empfänger nun auf der Seite des Marktplatzes oder auf der Rückseite Richtung ZOB befinden? Denn es sind wohl zwei Eingänge an der Vorder- und Rückseite des Gebäudes geplant, einer für die Jobcenter-Mitarbeiter und einer für die Leistungsempfänger.

Geht man davon aus, dass die Jobcenter-Angestellten den Eingang auf der „besseren“ Seite (sprich: Marktplatz) erhalten, wird man zukünftig lediglich ein paar Sachbearbeiter vor dem Gebäude Zigaretten rauchen sehen, so wie es bereits vor dem Sparkassen-Gebäude gegenüber dem Dom der Fall ist. Werden zukünftig alle Leistungsempfänger den Eingang am Marktplatz nutzen, wird es wohl etwas turbulenter werden, denn dann betreten tagtäglich zu den Öffnungszeiten des Jobcenters Hunderte von Menschen das Gebäude bzw. stehen zu Stoßzeiten davor, weil sie darauf warten, dass die Türen geöffnet oder ihre Nummern aufgerufen werden.

Das wäre an sich vielleicht gar nicht so tragisch, da sie wahrscheinlich in der Masse der Leute in der Innenstadt untergehen würden. Doch es werden sich mit Sicherheit etliche Mindener und Touristen am Anblick stören, wenn sie gemütlich im Café oder Restaurant schlemmen und sich in Ruhe unterhalten oder einfach durch die Altstadt flanieren wollen. Andererseits würden die Hilfebedürftigen, denen es schon unangenehm genug ist, dass sie beim Jobcenter „betteln“ und sich „durchkämpfen“ müssen, regelrecht auf dem Präsentierteller „vorgeführt“. Was wiederum Anlass zur Lästerei und herablassenden Blicken unter den im Freien sitzenden oder vorbeilaufenden Menschen sorgen würde.

Sinnvoll wäre es demnach, den Haupteingang für die Bedürftigen auf die Seite des Mindener Busbahnhofs zu legen. Zudem sie so einen direkten Anschluss zwischen öffentlichem Verkehrsmittel und Jobcenter haben. Wo Jobcenter-Mitarbeiter dann zukünftig ihre Zigarettenpause machen, müssten sie selbst entscheiden.

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Noch ziert der Name der Volksbank Mindener Land eG das große Gebäude am Markt

Betrachtet man das Gesamtbild, ist die Entscheidung, mitten in der Innenstadt, dem Vorzeigeplatz von Minden, ein Jobcenter einzurichten, doch ziemlich kurios. Einerseits werden Millionen Euro für die Sanierung der Innenstadt in Pflasterarbeiten, Brunnen und sonstigen Verschönerungsarbeiten gesteckt, um mehr Touristen anzulocken, die Wirtschaft anzukurbeln und der „besseren Gesellschaft“ gerecht zu werden – an die „Normalbürger“ (ob mit oder ohne festes Einkommen) denkt soundso keiner mehr. Andererseits entsteht mitten auf dem Marktplatz ein Objekt, was die Armut zahlreicher Mindener Bürger praktisch gen Himmel schreit.

Natürlich ist man auch hier in Ausreden nicht verlegen. Von besserer „Integration“ und „Eingliederung in die Gesellschaft“ ist die Rede. Das arme Volk gehört genauso zu Minden wie die Mittelschichtler und Reichen unter uns, sagt man. Ist ja auch vollkommen richtig! Nur sollte man da nicht bei den Sachbearbeitern des Jobcenter Minden und des Amt proArbeit selbst anfangen, die teils hoffnungslos überlastet und unterqualifiziert sind? Die mit der korrekten Umsetzung der zahlreichen Paragrafen im Sozialgesetzbuch und Arbeitsanweisungen des Jobcenter und Regeln der Bundesagentur für Arbeit völlig überfordert sind? Sollten diese nicht eigentlich freundlich und respektvoll mit Hilfesuchenden umgehen? (Siehe dazu unsere Beitragsreihe „Min und Din – der feine Unterschied„).

Was nützt ein schönes Gebäude, wenn ein Teil der Mitarbeiter nicht ordentlich ausgebildet ist und Hilfesuchende respektlos behandelt werden?

Und wer zahlt eigentlich den Umzug des Jobcenter Minden und des Amt proArbeit? Wird der (im Übrigen bereits zweite!) Umzug durch schärfere Sanktionen der Bedürftigen finanziert? Naja, an dieser Stelle könnte man jetzt natürlich weiter ausholen und vertiefen.

Fakt ist: Die Innenstadt wird komplett saniert und anstatt eines schönen Kinos gibt es zukünftig ein Jobcenter Minden und ein Amt proArbeit Minden-Lübbecke mitten in der City. Schaun wir mal, wie es weitergeht.


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