Andrang beim Rittergut Haddenhausen in Minden

Für eine Besichtigung des Ritterguts standen am Tag des offenen Denkmals 2017 über 400 Besucher Schlange - auch die Kapelle am "Schloss" fand großes Interesse

Hunderte von Menschen standen Schlange, um einen Blick ins private Gemäuer des Mindener Ritterguts Haddenhausen am Tag des offenen Denkmals zu erhaschen – Fotos: onm

„Das ist ja wie der Sturm auf die Bastille“, äußerte eine Besucherin, während sie bei der ersten Führung zusammen mit rund 200 Menschen auf den Einlass ins Rittergut Haddenhausen wartete. Und zur zweiten Führung kamen mindestens genauso viele Besucher hinzu, die am Tag des offenen Denkmals 2017 das einzige „Schloss“ in der Stadt Minden von innen besichtigen wollten.

Ein einziger Stein erinnert an das damalige Anwesen der Familie von Münchhausen

Die privaten Gemäuer des Ehepaars Dr. Susanne und Boris Freiherr von dem Bussche erlebten am vergangenen Sonntag (10. September) einen regelrechten Ansturm. Kommt ja auch nicht so oft vor, dass das Mindener Rittergut – auch „Schloss Haddenhausen“ genannt – für die breite Öffentlichkeit zugänglich ist. Dass aber geschätzt über 400 Menschen daran Interesse zeigten und sogar stundenlang Schlange standen, damit hatte man nicht gerechnet.

Obwohl der Schlossherr mit der Menschenmasse allein auf weiter Flur stand, empfing er herzlich seine Gäste im Innenhof und erklärte wie selbstverständlich vor der ersten Besichtigung (13 Uhr) die außergewöhnliche Geschichte seines Ritterguts – vom Hochtreppchen aus, auswendig, ohne Mikrofon, humorvoll und locker, wie schon bei der Oldtimer-Ausfahrt im Juni (siehe unser Bericht).

Rittergutbesitzer Boris Freiherr von dem Bussche erklärte seinen zahlreich erschienenen Gästen die spannende umfangreiche Geschichte des Haddenhausen-Anwesens

Neu war für uns, dass nur ein einziger Stein links neben einem Turmfenster, der sich mit seinem Ornament deutlich von den anderen unterscheidet, an das alte Schloss der Familie von Münchhausen erinnere, das laut Überlieferung von einem betrogenen Söldnerheer geplündert und zerstört wurde.

Der Schlossherr persönlich führte alle rund 400 Gäste in Gruppen zu je 20 Personen über die Wendeltreppe im Turm zum Dachgeschoss

Dann war der Moment, worauf alle Besucher warteten, gekommen. Der Freiherr öffnete rund eine halbe Stunde später die Tür vom Turm und ließ die ersten 20 Gäste hinein. Wir waren im circa fünften Durchgang dabei. Von dem Bussche begrüßte unsere Redakteurin mit einem freudigen „ich kenne Sie doch“ am Eingang und führte die Besuchergruppe über eine steinerne Wendeltreppe, vorbei an mehreren historischen Holztüren und -fenstern, ins Dachgeschoss.

Entgegen den Erwartungen vieler Besucher gewährte er jedoch keinen Einblick in die privaten Gemächer, sondern entführte in den stark baufälligen (vom Innenhof aus gesehenen) rechten Flügel, an Bodenlöchern im Vorraum vorbei, zum Rittersaal.

Nicht weniger beeindruckend befindet sich hier eine historische, fachwerkähnliche Holzdeckenkonstruktion und ein ebenso alter Holzfußboden. Die Holzfenster sind ungewöhnlicherweise auf Bodenhöhe eingebracht und die Wände mit zahlreichen Rissen durchsetzt. Zudem hingen alte Leinensäcke über einem runden Holzbalken. Denn Ende des 20. Jahrhunderts diente der Saal als Kornspeicher.

Ein raumhoher Kamin im Rittersaal zeigt mit seinen Wappen die Vorbesitzer des Ritterguts Haddenhausen

Natürlich hatte auch hierzu der 1966 in Hamburg geborene Freiherr und Rechtsanwalt einiges zu erzählen. Das Highlight auf dieser Etage wäre der raumhohe Kamin aus dem Jahre 1540, vor den er sich stellte. Noch nie in Betrieb gewesen, zeige er doch in Stein gemeißelt die Vorbesitzer des Hauses, nämlich „von Mönnichhusen“, „Lucia von Mönnichhusen“, „Johan von den Bussche“ und vor allem „von Asscheberch“ – die sozusagen „Stamm-Mutter“ des Haddenhausen-Anwesens, so von dem Bussche.

Sehr gut von oben durchs Fenster konnte man auch die riesigen Stützpfähle erkennen, die den sanierungsbedürftigen Seitenflügel zurzeit zusammenhalten – in der Hoffnung, dass dies bis zur Instandsetzung auch so bleibe. Allerdings gebe es einen Haken: Die Stadt Minden hat vor einiger Zeit eine Grundwasserabsenkung durchgeführt (siehe dazu auch Meldung der Stadt wegen bodenkundlicher Untersuchungen von Mai bis November des Geologischen Dienstes NRW vom 10. Mai 2017) – für ein tonnenschweres Gebäude dieser Art, was auf moorigem Boden mit Holzpfählen errichtet wurde, ein mächtiges Unterfangen bzw. wie von Bussche sich ausdrückte: „Das ist tötlich für das Anwesen.“

Riesige Holzstützen halten zurzeit den Seitenflügel des Ritterguts in der Waagerechten – Grundwasserabsenkungen der Stadt Minden gefährden aber den Bau

Besonders ärgerlich sei aber, dass wenige Tage zuvor die Stadt Minden eine weitere Absenkung ankündigte aufgrund eines Bauvorhabens. Zwar erläuterte die Stadt, dass man „alles technisch Mögliche zum Schutz des Schlosses“ unternehmen werde und die „Absenkung sofort unterbrechen“ werde, wenn notwendig – der betroffene Flügel läuft aber aufgrund seines Alters, seiner Beschaffenheit und der ersten Grundwasserabsenkung jetzt schon sichtlich Gefahr, einzustürzen. Im schlimmsten Fall würde ein Teil des Turms und des anderen Flügels sogar mitgerissen.

Sprich: Damit würde ein wichtiger Teil der Geschichte Mindens verloren gehen. Das Rittergut Haddenhausen ist schließlich das einzige „Schloss“, das die Stadt Minden aufzuweisen hat. Zumal es seit der Übernahme durch das Ehepaar von dem Bussche im Jahr 2012 mitsamt Gartenanlage liebevoll gehegt und gepflegt sowie kostenaufwendig saniert wird. Ganz abgesehen von der Familiengeschichte, die darin steckt.

Ein liebevoll gepflegtes Gartengelände umschließt das Rittergut-Anwesen

Zum Glück gibt es auch Gutes zu berichten. Eine ältere Dame unter den Besuchern erzählte, dass ihre „Großmutter einmal in dem Schloss gewohnt“ habe, in dem Flügel, wo heute die Herrschaften eingezogen sind. Als Kind sei sie auch oft zu Besuch gewesen. Sie war deswegen zwar traurig, dass man die Gemächer nicht besichtigen kann, zeigte aber vollstes Verständnis für die Einhaltung der Privatsphäre. „Aber den Garten möchte ich sehen“, meinte sie und machte sich auf die Suche nach einem Stück Vergangenheit. Überhaupt schienen sich viele Gäste mit dem Anwesen verbunden zu fühlen.

Gegen 14.30 Uhr wurde auch das Gartengelände rund ums Rittergut freigegeben und erfreute sich unter den Besuchern großer Beliebtheit. Seltene Pflanzen, die Sicht auf einen Bach und den Wassergraben zur Brücke hin, hier ein Mühlenstein, da eine Schießscharte in der Grenzmauer und ein gewagter Blick durchs Burgfenster auf einen Kronleuchter – die Neugierde war geweckt.

Trotz Andrang am „Schloss“ blieb die Tür der historischen Kapelle für Besucher nicht geschlossen

Während sich wieder eine lange Menschenschlange zur zweiten Führung vor dem Rittergut bildete, öffnete punkt 15 Uhr ein Mitarbeiter die „Schloss“-Kapelle für bereits ungeduldig drängelnde Besucher. Eine Geschichte vom Schlossherrn musste hier ausbleiben, weil er genug damit zu tun hatte, das Rittergut zu zeigen. Macht ja nichts, so hatte man in Ruhe Gelegenheit, die kleine, aber feine kirchlich-historische Stätte – datiert auf das Jahr 1624 – mit Andacht zu genießen. Der Altar und die Orgel alleine waren schon sehenswert.

Alles in allem war es eine unglaublich eindrucksvolle Begegnung mit Vergangenem und Gegenwart, mit prachtvoll architektonischen Gebäuden, die Jahrhunderte überdauert haben, und einem echt sympathischen Freiherrn. Da kann man nur hoffen, dass das den Mindenern noch lange erhalten bleibt und nicht modernen Bausünden zum Opfer fällt. Wer weiß schon, wielange das Rathaus noch steht …

Nun aber zu unserer Bildergalerie:

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Wenn Sie mit der Mouse, dem Finger oder Stift über die Slideshow fahren, können Sie die Bilder vergrößern („Fullscreen“). Sollten Sie die Slideshow nicht sehen können, haben Sie die Möglichkeit, sich diese direkt in unserer Flickr-Galerie anzuschauen.


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