An der Wichernschule Minden sind dringend Investitionen notwendig

Bildungsausschuss vom 5. Februar 2019 zeigt auf: Wichernschule benötigt mehr Platz für Schüler mit Behinderung und sechsstelligen Betrag für Reparaturen

Von Unterrichtsräumen wie diesem benötigt die Wichernschule Minden deutlich mehr – die Kapazität ist mit 219 Schülerinnen und Schülern längst ausgeschöpft – Fotos: onm

Die Befürchtung eines Elternteils, dass die Kapazitäten für die Schülerinnen und Schüler an der Wichernschule Minden ausgeschöpft seien, haben sich im Bildungsausschuss am 5. Februar 2019 bewahrheitet. Doch scheint dies nur die Spitze des Eisbergs zu sein: Die Förderschule für Kinder und Jugendliche mit Behinderung benötigt dringend Geld für notwendige Reparaturen. Der Schulausschuss des Kreises Minden-Lübbecke räumt ein, dass der „Fokus auf Inklusion erst jetzt bewegt“ werde.

Mit Bericht vom 20. Januar machten wir bereits auf die fehlenden Kapazitäten an der Wichernschule Minden der Diakonie Stiftung Salem aufmerksam – angestoßen durch ein Elternteil eines Kindes, das in der geistigen Entwicklung Unterstützung benötigt. Wie es der Zufall so will, tagte der Bildungsausschuss rund zwei Wochen später, am 5. Februar, im Foyer der Wichernschule. Schulleiterin Anja Mensing konnte somit die Arbeit der Förderschule vorstellen, ihr Anliegen vor den politisch und verwaltungstechnisch Verantwortlichen der Stadt Minden und des Kreises Minden-Lübbecke vortragen und mit ihnen darüber diskutieren, welche Mittel und Maßnahmen künftig erforderlich sind. Wir fassen zusammen (sinngemäße Wiedergabe):

Wer leitet die Wichernschule Minden?

Anja Mensing (45) arbeite schon 17 Jahre im Haus der Wichernschule Minden, war bereits zwei Jahre als Konrektorin (stellvertretende Rektorin) tätig und leite die Schule seit 2018 als Rektorin (Schulleiterin).

Unter ihrer Führung stehen zurzeit 55 Lehrkräfte, Unterrichtshilfen und Sozialarbeiter/innen. Außerdem arbeitet die Wichernschule in der Regel mit Fachlehrern, die auf geistige Entwicklung geschult sind, mit Heilerziehungspflegern und Ergotherapeuten zusammen.

Informationen zur Wichernschule Minden

Die Wichernschule Minden ist eine Ersatz-Förderschule in privater Trägerschaft. „Ersatz“ deshalb, erklärte Mensing, weil die Wichernschule die Aufgaben des Kreises wahrnehme (Schulpflicht, Trägerschaft liegt beim Kreis) und die Wichernschule eine private Förderschule der Diakonie Stiftung Salem gGmbH sei. „Also private Schule: ja, aber mit Zusatzangebot“, so Mensing.

Standbohrmaschine in der Wichernschule Minden

Unterrichtet werden Kinder und Jugendliche mit (geistiger) Behinderung aller Konfessionen (auch Migranten) im Alter von 6 bis 18 Jahren, und zwar ganztags. Grundschule, Oberschule und Berufsschule befinden sich alle unter einem Dach. Jeweils 10 Kinder teilen sich einen Klassenraum, in der Oberstufe circa 12-13 Jugendliche.

Die Wichernschule verfügt über 17 Klassenräume (Vorstufe, Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe, Praxisstufe), eine Sporthalle, ein Schwimmbad, WLAN-Zugang und Werkräume. Die Schwimm- und Sporthallen werden in Nicht-Unterrichtszeiten von Vereinen, interkulturellen Organisationen oder Gruppen genutzt. Eine Osteoporose-Gruppe war an dem Nachmittag gerade im Schwimmbad aktiv. Den zahlreichen Pokalen in einem Schaukasten zufolge existiert auch eine Fußball-AG. Außerdem waren Fotos ausgehängt von der jüngsten Teilnahme an den Bayrischen Special Olympics (Ende Januar 2019 in Reit im Winkl).

Schulabschlüsse vergibt die Wichernschule Minden nicht. „Aber die Schüler können auch nicht sitzenbleiben“, so Mensing. Und „normalerweise ist nach der 10. Klasse Schluss“, antwortete Mensing auf eine Frage aus dem Bildungsausschuss.

Doch darüber hinaus kann im Zuge des beruflichen Werdegangs der Hauswirtschaftsunterricht (jährlich im Wechsel wählbar, entweder Fachbereich Holz, Garten- und Landschaftsbau oder Metall) besucht werden, beginnend ab Klasse 11.

Die beruflichen Aussichten der Schülerinnen und Schüler sind so unterschiedlich wie sie selbst. Die meisten von ihnen gehen nach der Schule in die Werkstätten (z.B. der Diakonie), andere machen eine Berufsausbildung oder arbeiten in einer Helfertätigkeit in Bad Oeynhausen. Aber es gebe auch welche, die in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden oder ein Langzeitpraktikum absolvieren und im Anschluss unbefristet beschäftigt werden.

Wie viel Schülerinnen und Schüler besuchen die Wichernschule?

219 Schülerinnen und Schüler besuchen derzeit die Wichernschule Minden, davon 121 aus Minden, 50 aus Porta Westfalica, 25 aus Petershagen, 12 aus Bad Oeynhausen und 11 aus Hille.

Und hier beginne das Problem:

Fehlende Kapazitäten an der Wichernschule

„170 Schülerinnen und Schüler haben an der Wichernschule Minden normalerweise nur Platz, 10 pro Klasse“, erläuterte Schulleiterin Mensing auf Nachfrage des Bildungsausschusses. Man habe jedoch konstant steigende Schülerzahlen zu vermerken. Allein im vergangenen Jahr 2018 wurden 30 neue Schülerinnen und Schüler aufgenommen.

Da die Wichernschule aber nur über 17 Klassenräume verfügt, mussten vier Fachräume (z.B. Werkraum) zu Klassenräumen eingerichtet werden, „die Schülerinnen und Schüler werden aber fachgerecht unterrichtet“, betonte sie. Somit sind zwar 21 Klassen gegeben und der Schulunterricht gesichert, aber dann fehlt es wiederum an Raum für beispielsweise den Hauswirtschaftsunterricht.

Um den Fragen aus dem Bildungsausschuss gerecht zu werden, antwortete Mensing schließlich: „Ja, wir haben ein Raumproblem.“

Ein Werkraum in der Wichernschule Minden

Aber das sei nicht alles. Zum Erstaunen der zahlreich anwesenden Bildungsausschuss-Mitglieder machte die Rektorin noch auf Folgendes aufmerksam:

Wichernschule benötigt dringend Geld für Reparaturen

„Der Fußboden ist aufgrund seiner Bodenbeschaffenheit für die kleinen Schülerinnen und Schüler nicht nutzbar, weil er nicht mehr absenkbar ist auf rund 35 cm. Das bedauern wir sehr“, begann Schulleiterin Mensing vorsichtig das Thema Investitionen anzusprechen. Die Schule könne zwar kleinere Reparaturen übernehmen, aber das überschreite den Schulhaushalt. „Wir reparieren alles, auch der Hausmeister, aber da fehlt Geld vom Kreis.“

Gemeint ist der Hubboden im Schwimmbad, der sich unter der gesamten Schwimmbadfläche rund ums Becken erstreckt. Vermutlich aus Verschleißgründen lässt sich der Boden nicht mehr auf 35 cm Höhe absenken, sondern nur noch bis auf eine Höhe von rund 45 cm. Das mag für ’normal‘ entwickelte Menschen belanglos klingen, für kleine Menschen mit Behinderung stelle es aber ein echtes Hindernis dar. Die Kinder könnten so nicht mehr ungehindert ins Wasser steigen, also nicht mehr am Schwimmunterricht teilnehmen.

Ein weiterer Klassenraum in der Wichernschule Minden

Auf die Frage des Bildungsausschusses, mit welcher Summe man denn hier zu rechnen habe, wenn die Reparatur durchgeführt werden soll, antwortete Mensing: „Mit einem sechsstelligen Betrag.“ (100.000 Euro und aufwärts)

Nach einer Schrecksekunde stellte der Bildungsausschuss die entscheidende Frage:

Gibt es Möglichkeiten der Stadt?

Mensing: „Es ist ja ein Schulbedarfsplan in Arbeit. Erst gestern (am 4. Februar 2019) habe man ein Leistungsverzeichnis aufgestellt. Nun ist noch die Abstimmung mit der Stadt Minden erforderlich.“

Auf die weitere Frage des Bildungsausschusses, ob dies nicht im Schulentwicklungsplan geregelt wäre, antworte sie: „Es gibt entscheidende Entwicklungspläne im Kreis, für uns aber nicht.“ Diese Aussage richtete sich eindeutig an den Kreis:

Schulausschuss des Kreises räumt Versäumnis ein

Man habe „den Blick bisher auf andere Schulen gerichtet“, räumte der Schulausschuss des Kreises Minden-Lübbecke im Sitzungstermin ein, und „jetzt erst gemerkt aufgrund der Anträge der Schulträger, dass Inklusion eine immer größere Rolle spielt, auch was Renovierungsarbeiten angeht.“

„Statistisch gesehen haben zwei Prozent der deutschen Bevölkerung einen Bedarf allein an geistiger Entwicklung“, erklärte Mensing, um die Aufgaben der Wichernschule Minden hervorzuheben, und weiter: „Seit 2002/03 ist die Anzahl der Schülerinnen und Schüler an der Wichernschule kontinuierlich gestiegen.“

Schließlich räumte der Schulausschuss des Kreises sein Versäumnis ein: „Der Fokus auf Inklusion wurde von uns erst jetzt bewegt.“


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