Altes Handwerk neu erlebt in Rothenuffeln

Heimatverein Rothenuffeln lud am Aktionstag 2016 zum Honigschlecken, Spinnen, Reepschlagen, Handgemachtem, Musik und Kinderspielen nach Hille ein

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Hobby-Imker Köppen (li.) und seine Vereinskollegen zeigten am Aktionstag in Hille-Rothenuffeln, wie Honig entsteht – von der Biene, über die Wabe bis zum fertigen Produkt – Fotos: onm

Puren Honig schlecken, Spinnerei, Reepschlagen, Scheren schleifen, Fahrräder codieren, Kinderspiele ausprobieren, Kaffee schlürfen, Musik hören und vieles mehr konnte man am Aktionstag 2016 in Hille entdecken und erleben. Bei strahlendem Sonnenschein entführte der Heimatverein Rothenuffeln im gleichnamigen Ortsteil in alte Handwerkszeiten und verwöhnte die Gäste mit Leckereien.

Eine idyllische Atmosphäre erwartete Besucher am 5. Juni 2016 in Hille-Rothenuffeln. Mitten im Kurpark, an Fischteichen und modernen Spiel- und Sportpfaden gelegen, zwischen schmucken Fachwerkhäusern und alten Trauerweiden, richtete der fast 40-jährig bestehende Heimatverein Rothenuffeln seinen alljährlichen Aktionstag aus. Zusammen mit Händlern, dem ansässigen Imkerverein, dem Fahrradclub ADFC, dem Heimatverein Südhemmern sowie vielen weiteren Akteuren bot sich ein Bild wie aus längst vergessenen Tagen:

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Ein Code wird fest in den Rahmen eines Rades gestanzt und mit Warnaufkleber versehen

Hunderte von Menschen saßen gemütlich beisammen, genossen das schöne Wetter, oder bewegten sich zwischen Kaffee- und Kuchen-Stand, Biertheke, Grillhaus, den liebevoll gestalteten Ständen und verschiedenen Handwerksaktionen. Kinder tobten auf der Wiese, probierten sich an Spielen, wie beispielsweise Leitergolf, planschten mit den Füßen in wunderschön angelegten Teichen und Erwachsene bewiesen ihre Fitness auf extra angelegten, modernen Geräten im Park.

Die Vitalsten unter ihnen waren jedoch die Senioren, hatte es den Anschein. Ihnen war kein Weg zu weit, mit ihren E-Bikes und Fahrrädern vorbeizuradeln. Für fünf (Clubmitglieder) bis 10 Euro (für Nichtmitglieder) standen sie schon mal eine Weile Schlange, um ihre hochwertigen „Drahtesel“ vom ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) per Laptop registrieren und mit einem einprägenden Code und warnendem Aufkleber versehen zu lassen.

„Pro E-Bike haben wir rund 2500 Euro gezahlt, da lohnt es sich schon, sie registrieren zu lassen“, erklärte ein älteres Ehepaar. Sie hoffen, dass der in den Rahmen eingeprägte Code mit leuchtfarbenem Aufkleber die Diebe abschrecken wird.

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Interessierte standen Schlange am ADFC-Stand, um ihre Räder registrieren und codieren zu lassen

Äußerst verlockend war jedenfalls der Stand des Imker-Vereins Rothenuffeln. Denn dieser bot nicht nur naturbelassene Honig-Produkte, sondern führte ganzheitlich vor, wie der wohlduftende Saft von der gefüllten Bienenwabe ins Schleudern gerät und der süße Wachs in den Mund der Gäste.

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Die Bienenkönigin ist unverkennbar mit ihrem blauen Punkt

Währenddessen passten die gebürtigen „Carnica“ ganz genau auf, was die Vereinsherren so erklärten und wie sie mit dem fleißig gesammelten Nektariensaft, der von ihnen zu Honigtau verarbeitet wurde, umgehen. So flogen diese sanftmütigen Zuchtbienen mit ihrer grauen Behaarung mitten durchs Geschehen und immer wieder zu ihren „Magazinbeuten“, den künstlichen Bienenstöcken des Imkervereins, zurück, die eingezäunt auf dem Gelände gestapelt waren – oder direkt zu ihrer Königin im Schaukasten, die unverkennbar durch ihre (in dem Fall blaue) Punktmarkierung hervorstich.

Ihre mit jeweils zwei bis drei Kilogramm Honigtau prall gefüllten Waben konnten problemlos von Hobby-Imker Köppen herausgezogen werden, nachdem der 71-Jährige den Bienen kurzzeitig mit einer (mit Kräutern gefüllten) Imkerpfeife Dampf machte zur Beruhigung (siehe Titelfoto). Der Schleudermaschine ausgesetzt rinn der süße Saft – durch ein grobes und feines Sieb geflossen – schließlich in einen Eimer.

Da lief einem das Wasser im Munde zusammen beim Zuschauen, wie der Honig durchs Sieb floss

Schon war der Honig fertig und konnte weiterverarbeitet werden, zum Beispiel zu Seifen, Salben, Bonbons oder pur in Gläsern verpackt, um käuflich erworben werden zu können. Der in den Waben übrig gebliebene leckere „Entdeckelungswachs“ (damit der begehrte Saft nicht anfängt zu gären, legen Bienen Wachs drüber) wurde dann mit einem Spatel abgekratzt und konnte nach Lust und Laune von den Besuchern vernascht werden.

Flachs hingegen wurde versponnen am Aktions-Sonntag. Gleich drei Vereinsmitglieder zeigten live, wie die eher borstigen Fasern am hölzernen Spinnrad gedreht zu feinen Fäden auf der Spule wurden. „Das ist alles Natur, keine Chemie“, erklärte eine ältere Frau, die fleißig mit dem Fuß das Rad antrieb und die Fasern zwischen den Fingern drehte. „Früher hat jede gute Hausfrau ein Spinnrad gehabt. Daraus wurden Tischtücher, Bettlaken, Kleider und Taschen gewebt. Da kaufte man nichts vom Markt so wie heute. Das war viel Arbeit, bis man ein Knäuel zusammenhatte.“

Zuerst musste also der Flachs gesponnen und dann das Garn über einem Webstuhl zu Leinenprodukten verarbeitet werden. Zum Häkeln und Stricken eigne sich das Garn nicht, antwortete sie auf Nachfrage einer Besucherin. Aber man konnte das hellbraune Leinen färben oder eben bleichen, um es weiß zu kriegen.

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Verträumt sponn eine ältere Dame fleißig den ganzen Tag lang Flachs am historischen Spinnrad, das war ganz schön anstrengend

Während Alleinunterhalter „Hermann“ am Keyboard die Gäste musikalisch unterhielt, ging es nach einer Kaffee-Pause, wo eine Dame humorvoll darum bat, bitte nicht – wie andere Leute – einen „vernünftigen“ Kaffee zu bestellen, weiter zum Reepschlagen (auch: Reepeschlagen).

Christian Südmeyer, Martin Röthemeyer und Alexander Nobbe vom Heimatverein Südhemmern drehten ebenfalls am Rad, allerdings mit zwei Schlitten im Gespann. Passend zur folgenden Fußball-Europameisterschaft fertigten sie auf Wunsch vieler Besucher Kunststoff-Seile in Schwarz, Rot, Gold, aber auch Springseile in Rosa-Weiß für Mädchen oder andersfarbige Hundeleinen. Sisalseile boten sie ebenfalls an, beispielsweise für Schaukeln oder um Blumentöpfe aufhängen zu können.

Für das „Deutschland“-Seil spannten sie jeweils drei Schnüre Pressengarn zwischen zwei hölzernen mobilen Reepschlitten, indem sie die Kordeln am standfesten Schlitten um vier Haken und am fahrbaren Schlitten um einen Haken schwangen. Nachdem die Enden verknotet wurden, setzt ein Mann den fahrbaren Schlitten in Bewegung, um Spannung auf den Kordeln zu erzeugen, der zweite dreht an einer Kurbel und der dritte hält zwischen den Kordeln ein Leitholz (bzw. Führholz), um das ordentliche Verdrillen des letztendlich entstandenen Seils zu gewährleisten.

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Alexander Nobbe, Christian Südmeyer und Martin Röthemeyer (v. li.) vom Heimatverein Südhemmern demonstrierten das Reepschlagen

Der Begriff „Reepschlagen“ stammt übrigens aus der Seefahrt. Das „Reep“ bezeichnet ein Tau oder Seil. Die Herstellung erfolgte früher durch das Handwerk der Reepschläger auf den sogenannten Reeperbahnen durch Verdrillen dieser Seile. (Die Reeperbahn in Hamburg erhielt ihren Namen also von Taumachern und Seilern).

Messer- und Scherenschleifer Dieter Krawert aus Bad Oeynhausen hatte es da schon ein bisschen einfacher. Seine Kundschaft brachte ihm Gartenscheren sowie Messer und Scheren aller Art, die er aus seinem Bulli heraus an der Schleifmaschine feinfühlig zu neuer Schärfe verhalf.

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Messer- und Scherenschleifer Dieter Krawert beim Schärfen einer Gartenschere

Letztendlich konnte man es sich einfach gemütlich machen auf den zahlreichen Sitzgelegenheiten rund ums Heuerlingshaus und der Kulturscheune sowie im gesamten Kurpark Rothenuffeln und die eine oder andere liebevoll gestaltete Handwerkskunst mit nach Hause nehmen. Man konnte sich auf jeden Fall richtig heimisch fühlen an dem rundum gelungenen Aktionstag und wurde als Erwachsener so ein bisschen in die „guten alten Zeiten“ versetzt.

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Rund ums Heuerlingshaus und der Kulturscheune herrschte am Aktionstag in Rothenuffeln eine gemütliche, familiäre Atmosphäre

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