AfD fordert Erhalt der Hauptschule Todtenhausen in Minden

Augen zu und durch? Am 22. November 2016 könnte im Bildungsausschuss der Stadt Minden das endgültige Aus der Ganztagshauptschule Todtenhausen beschlossen werden

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Steht die Ganztagshauptschule (GHS) Todtenhausen in Minden kurz vor dem endgültigen Aus? Das wird sich im nächsten Bildungsausschuss zeigen. – Foto: GHS

Nach einer Pressemeldung des AfD-Kreisverbandes vom 15. November 2016 „AfD fordert Rücknahme der Schließung Hauptschule Todtenhausen“, die in einigen Medien verbreitet wie auch uns angeboten wurde, haben wir den Kreisgeschäftsführer der AfD Minden-Lübbecke, Burkhard Brauns, persönlich kontaktiert, ihn zum Hintergrund befragt und ihn um Stellungnahme gebeten.

Eine Welle der Empörung macht sich breit unter Schülern, Lehrern, Elternteilen und allen, die irgendwie mit dem Thema „Hauptschule“ in der Stadt Minden involviert sind. Denn nach der letzten Sitzung des Bildungsausschusses stellte sich heraus: Der von einem externen Gutachter unterstützte Schulentwicklungsplan hat offensichtlich schwerwiegende Fehler.

Erklärungen zu diesem Beschlussvorschlag sind insofern eilig und wichtig, weil am Dienstag, 22. November 2016 (am Eröffnungstag des Mindener Weihnachtsmarktes), bereits der nächste Bildungsausschuss tagt, in dem unter anderem über den Schulentwicklungsplan (SEP) abgestimmt und damit die Existenz der Ganztagshauptschule Todtenhausen (kurz: GHS) entschieden werden wird.

Wie es aus seiner Sicht dazu kam und warum die Ganztagshauptschule Todtenhausen davon besonders betroffen sein könnte, erklärt AfD-Kreisgeschäftsführer Burkhard Brauns am 17. November in einem Gespräch mit der ON-Redaktion. Zudem werden verschiedene Medienberichte aus den letzten Jahren recherchiert und herangezogen.

Wir fassen zusammen:

Alles fing anscheinend mit der Schließung der Hauptschule Süd im Mindener Stadtteil Rodenbeck an. Ende Juli 2011 beschloss der Mindener Rat, dass der Betrieb der Schule mangels Nachfrage in drei Jahren auslaufen soll. Die verbleibenden Klassen sollen zur Hauptschule Todtenhausen umziehen (siehe Kurzbericht Radio Westfalica). So kam es dann auch.

Schließlich erhielt die Hauptschule Todtenhausen erst in 2009/2010 für rund 1,1 Millionen Euro einen Anbau für den „gebundenen Ganztag“ mit dem Ziel, den Ganztagsbetrieb künftig zweizügig in allen Jahrgangsstufen anzubieten. Auf zwei Etagen und ca. 620 Quadratmeter Fläche entstand unter anderem eine Mensa, ein Mehrzweckraum, eine Küche, vier Gruppenräume und ein Lehrerarbeitsraum (lt. Bericht weserblatt.de / Pressemitteilung der Stadt Minden).

Alt-Bürgermeister Michael Buhre erinnerte in seinem Grußwort damals an die Vorreiterrolle, die die Hauptschule Todtenhausen bei vielen Projekten übernommen habe. Die Einrichtung habe sich seit den späten 70er Jahren durch ein besonderes pädagogisches Konzept einen Namen gemacht. „Viele Anregungen aus der pädagogischen Arbeit der HS Todtenhausen wurden dabei von anderen Schulen aufgegriffen“, so Buhre, wie beispielsweise Kooperationen mit außerschulischen Partnern (Modehaus Hagemeyer, WAGO u.a.), das Förderkonzept für Schülerinnen und Schüler mit Lernrückständen und die professionelle Begleitung auf dem Weg in das Berufsleben.

Fortan wurde aus der Hauptschule die Ganztagshauptschule Todtenhausen (kurz: GHS) – ein vielversprechendes Schulkonzept für damals rund 400 Schülerinnen und Schüler. Doch dann kam alles anders:

Der Ausschuss für Bildungsarbeit (kurz: Bildungsausschuss) der Stadt Minden hat nach erfolgter Elternbefragung zum zukünftigen Schulwahlverhalten im November 2015 den „Arbeitskreis Schulentwicklungsplanung“ (AK SEP) mit dem Ziel eingerichtet, Entscheidungsgrundlagen für die weitere Schulentwicklung für die Sekundarstufen I und II zu erarbeiten. Der Entwurf des Schulentwicklungsplans wurde in der Sitzung des Ausschusses für Bildungsarbeit am 27. September 2016 zur politischen Beratung vorgelegt und am 2. November 2016 im Jugendhilfeausschuss vorgestellt.

Im Bildungsausschuss am 8. November 2016 wurde schließlich der Beschlussvorschlag „Schulentwicklungsplan Minden 2017-2022 für die allgemeinbildenden weiterführenden Schulen“ vorgestellt, der für heftige Diskussionen sorgt.

Seit mehr als einem Jahr also „brennt der Himmel“ in der Mindener Schullandschaft. Eltern, Schüler und Lehrkräfte sind entsetzt, dass ihre Stimmen, Demonstrationen vor dem Rathaus und andere massive Proteste gar nicht erhört wurden, nicht berücksichtigt wurden im SPD-dominierten Bildungsausschuss. Für Empörung sorgte schließlich Mitte Mai 2016 im Rat der Satz von Regina-Dolores Stieler-Hinz, Bildungsbeigeordnete der Stadt Minden: „Seien wir doch mal ehrlich, am Ende steht ‚Hauptschule‘ über dem Zeugnis und das bedeutet schlechtere Ausbildungschancen. Arbeitgeber haben Vorbehalte gegen Hauptschüler.“ (siehe Bericht Minden-Kurier)

Nun wurden auch Parteien wie CDU, Piraten und AfD hellhörig und schrieben sich „Schulpolitik“ auf die Agenda ihrer Wahlprogramme. Manche Parteimitglieder befassen sich schon länger mit dem Thema (beispielsweise Kirstin Korte (CDU)), manche engagieren sich seit Jahren im Bildungsausschuss der Stadt Minden und/oder sind seit Jahren mit dem Thema einfach gut vertraut, weil sie auch persönlich davon betroffen sind, wie zum Beispiel Burkhard Brauns (AfD) aus Rodenbeck, Vater zweier schulpflichtiger Kinder.

„Eigentlich hat sich alles schon länger abgezeichnet“, so Brauns, „freie Hauptschulen hatten und haben eben einen schlechten Leumund. Und die GHS hat in diesem Jahr nur acht Anmeldungen von Schülern für die 5. Klasse erhalten. Zudem liegt die Hauptschule in einem Außenbezirk Mindens, der für viele Schüler nur per Bus erreichbar ist. Soweit ist es nachvollziehbar, dass diese nächstes Jahr ‚auslaufen‘ soll.“

Was bei den ganzen Diskussionen aber für Unmut sorgt, erklärt er weiter, sei die Tatsache, dass von externen Gutachtern übersehen wurde, dass es zahlreiche „Rückläufer“ gibt – also Schüler von Gymnasien und Realschulen, die aufgrund ihrer abfallenden Leistungen auf die Hauptschule oder Vergleichbares gehen müssen. Was bedeutet: Es geht hier nicht nur um acht Anmeldungen im Jahr, sondern um eine höhere Anzahl von Schülern, die zur GHS kommen. Dies wurde von zig Lehrkräften, Schülern, Gewerkschaften und anderen Beteiligten klar gemacht und deutlich kommuniziert.

„Nur einige Mindener Stadtverordnete und die Verwaltung wollten davon bisher nichts hören bzw. die Angelegenheit schnell über die Bühne bringen“, vermutet Brauns. Schließlich habe sich zwischenzeitlich auch Detmold mit der Aussicht auf Zustimmung zur Schließung zu Wort gemeldet und die Landesregierung NRW in Düsseldorf locke mit hohen Fördergeldern für die Kommune, um ihr neues Programm „Gute Schule 2020“ ab 1. Januar 2017 durchzusetzen. Auch das Thema „G8/G9 – Turbo-Abitur“ sei noch nicht vom Tisch (siehe dazu unser Bericht mit Pressemeldung der Piratenpartei).

Also Augen zu und durch?

Dazu Kreistagsabgeordneter Thomas Röckemann (AfD): „Die Auflösung der Hauptschulen ist ein gravierender Fehler.“ „Es wird nämlich für die Realschulen auch unter größten Schwierigkeiten nicht möglich sein, neben den regulär von Gymnasien rücklaufenden Schülern auch Inklusion und Integration von Flüchtlingen zu leisten, dabei auch noch einen Hauptschulunterricht anzubieten. Dies zeigte die Diskussion sehr deutlich“, ergänzt Markus Wagner, Kreissprecher der AfD im Mühlenkreis in der Pressemeldung vom 15. November 2016.

Doch „die Schulentwicklungsplanung habe es sich alles andere als leicht gemacht“, so Stiehler-Hinz weiter in dem Minden-Kurier-Bericht vom 20. Mai 2016, an dem bereits seitens der Stadt feststand, dass die Ganztagshauptschule Todtenhausen mit Beginn des Schuljahres 2016/2017 auslaufend aufgelöst werden soll. „Schweren Herzens und mit zwei weinenden Augen haben wir uns aber für den Antrag zur Auflösung der Schule ausgesprochen. Wir hatten ausführliche Diskussionen, aber die Anmeldezahlen waren erneut sehr gering und rechtfertigen keine Weiterführung. Die Eltern wollen ihre Kinder einfach nicht mehr zur Hauptschule schicken.“

Und an dieser Vor-Entscheidung wird wohl auch nicht dran gerüttelt, wenn man die weiteren Argumente im Beschlussvorschlag vom 10. November 2016 studiert. Denn hier heißt es unter anderem, „dass ein möglicher dreizügiger Ausbau des Standortes Todtenhausen gegenüber dem dreizügigen Ausbau des Standortes Rodenbeck nur geringe Kostenvorteile erbringen würde“ und „eine etwas größere Investition in den Standort Rodenbeck oder Bärenkämpen wurde somit als zukunftssicherer bewertet. Darüber hinaus sind für den Ausbau neben der Bildungspauschale und dem Landesförderprogramm ‚Gute Schule 2020‘ zusätzliche Programmmittel der Bundesregierung in den Jahren 2017 bis 2020 in Höhe von 300 Mio. Euro pro Jahr für die soziale Stadtentwicklung zur Sanierung und Ausbau der Infrastruktur an Schulen und Jugendeinrichtungen zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts in Aussicht gestellt. Die gemeinsame Nutzung des Standortes in Rodenbeck durch die Käthe-Kollwitz-Realschule und dem Kinder- und Jugendtreff Westside entsprechen der inhaltlichen Ausrichtung des Investitionspakts ‚Soziale Integration im Quartier‘.“

Also der Mindener Stadtteil Rodenbeck, aber auch Bärenkämpen, soll mal wieder alles auffangen. Kaum vorstellbar, wie so viele junge Menschen in dem relativ kleinen Schulgebäude am Piwittskamp, wohin vor nicht allzu langer Zeit die Käthe-Kollwitz-Realschule umzog sowie zwei internationale Förderklassen unterrichtet werden, nun auch noch Schüler der GHS Todtenhausen aufnehmen soll. Das anliegende „Jugendhaus Westside“ wird zudem temporär in einer Containeranlage untergebracht.

Dazu teilte die Presseabteilung der Stadt Minden am 26. September 2016 in einer E-Mail mit: „In der Zeit, als das Schulgebäude am Piwittskamp noch durch die Hauptschule Minden-Süd genutzt wurde, sind Klassenräume der Schule baulich abgetrennt worden, damit das Jugendhaus Westside dort einzieht. Mit dem Umzug der Käthe-Kollwitz-Realschule in das Gebäude wurde diese gemeinsame Nutzung des Schulgebäudes fortgesetzt und eine Kooperationsvereinbarung zwischen der Schule und dem Jugendhaus abgeschlossen. Damals ist noch von einer zweizügigen Fortführung der Realschule ausgegangen worden. Die Schule hat nun jedoch das zweite Jahr in Folge drei Eingangsklassen gebildet. Zusätzlich bestehen seit dem letzten Jahr an der Schule zwei Internationale Förderklassen. Das gesamte Gebäude wird deshalb für einen geordneten Schulbetrieb benötigt. Derzeit wird nach einer Lösung sowohl für das Jugendhaus als auch für die Schule gesucht. Bis hier eine Lösung gefunden ist, muss das Jugendhaus temporär in einer Containeranlage untergebracht werden – es handelt sich um eine Zwischenlösung.“

Ein Tohuwabohu in der Schullandschaft der Stadt Minden, so scheint es. Schülerinnen und Schüler werden von Schule zu Schule hin- und hergeschoben als wären sie Waren, Hauptschüler werden pauschal für „doof“ abgestempelt, Meinungen von Eltern, Schülern und Lehrern werden ignoriert, Schulen werden erst teuer und aufwendig saniert und ausgebaut, dann sollen sie geschlossen werden. Und das alles, weil Fördergelder von „ganz oben“ bewilligt werden.

„Die AfD steht für die Beibehaltung des bewährten dreigliedrigen Schulsystems und auch der Förderschulen sowie für die Umwandlung der Gesamtschulen in kooperative Gesamtschulen. Ideologische Experimente auf Kosten unserer Kinder lehnen wir ab. Wir fordern, die Schließung der Hauptschule Todtenhausen zurückzunehmen und den gesamten Schulentwicklungsplan auf den Prüfstand zu stellen, bevor es zu spät ist“, so die AfD Minden-Lübbecke.

++ UPDATE ++

Trotz aller Kritik aus der Mindener Bevölkerung und der AfD Minden-Lübbecke wurde von der Stadt Minden die Auflösung der Ganztagshauptschule Todtenhausen mit Beginn des Schuljahres 2016/2017 endgültig beschlossen. Man wolle am Schulentwicklungsplan Minden 2017-2022 (siehe oben) festhalten. Anmeldungen in der Jahrgangsstufe 5 sind dadurch nicht mehr möglich.

++ UPDATE siehe Bericht: Auflösung der letzten Hauptschule in Minden besiegelt


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