9. Kürbismarkt in Meßlingen – größer, als erwartet

Sexy Brot, Riesenkürbisse und Dudelsackmusik - auf dem Kürbismarkt 2015 in Petershagen sorgten rund 90 Stände und schottische Musik für reichlich Abwechselung

- Fotos: onm
Nicht nur die großen Kürbisse von Friedrich Tünnermann weckten Begeisterung beim 9. Kürbismarkt im Petershägener Meßlingen – Fotos: onm

Der Kürbismarkt 2015 in Meßlingen war gut besucht am vergangenen Sonntag – und größer, als erwartet. An rund 90 Ständen wurde vom „sexy“ Brot über Honig und Senf in ‚zig Variationen, Seifen-Mobiles, Gebrauchtes aus dem Privathaushalt, Kunst, Handwerk und natürlich Kürbisse alles angeboten, was das ländliche Herz begehrt.

Hunderte am Straßenrand geparkte Autos ließen schon vor dem Eingang erahnen, wie viele Besucher den Weg zum 9. Kürbismarkt nach Petershagen-Meßlingen gefunden haben. Prall gefüllte Tüten mit handgemachten Leckereien in der Hand und Kürbisse unterm Arm verließen praktisch minütlich das Festgelände – mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.

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Alle Besucher wurden mit Kürbispracht herzlich willkommen geheißen

Kein Wunder. Denn dieser Markt am Erntedankfest übertraf alle „Kürbis-Events“, die wir in den Jahren zuvor im Kreis Minden-Lübbecke erlebt haben. Günter Wehmeyer, 1. Vorsitzender der Kulturgemeinschaft Meßlingen, und seine zahlreichen fleißigen Mitglieder sowie Marktständler und Dutzende von Akteure haben hier ganze Arbeit geleistet.

Schon beim Betreten des Geländes kamen einem Jörg Weber und seine Spanferkel Grillfreunde Maaslingen auf eine Art Rasenmäher-Bike mit Hänger entgegen. Mit ihrem „sexy Brot“ (gebackene Büste mit Piercing) zogen sie für kurze Zeit die volle Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Zur Unterstützung der Landfrauen verkauften sie 700-Gramm-Mischbrote, die weggingen wie warme Semmeln.

Und dafür stand man vom Vorabend bis zum Beginn des Kürbismarkts an den heißen Öfen. Denn das Brot wurde auf herkömmliche Weise in zwei ca. 120 Jahre alten Holzbacköfen bei Markus Poos und Familie Franke gebacken. Ein Ofen musste dazu am Samstagabend angeheizt und morgens um 6 Uhr nachgeheizt werden, einer wurde sonntagmorgens um 5 Uhr angeheizt und um 11 Uhr ausgeräumt. Dabei wurde rund 260 Kilogramm Teig durchgehend verarbeitet. „Die Landfrauen unterstützen wir auf diese Art und Weise seit 10 Jahren, in Meßlingen sind wir das fünfte Mal dabei mit vier Leuten“, betonte Jörg Weber.

Weiter ging es mit kreativen Ständen auf der Meßlinger Dorfstraße. Ob gehäkelte Topflappen, gestrickte Kinderstrümpfe, gebastelte Glückwunschkarten oder geschmiedete Gartenskulpturen – es war jedes Handwerk vertreten, was man sich vorstellen kann. Wobei ein Stand mit besonderen Duftkreationen überzeugte: auf Fäden aufgezogene Seifenstücke, kleine Holzstücke und -perlen, die als Mobile oder an Einzelfäden arrangiert waren zum Aufhängen. Klug gedacht, denn diese versorgen nicht nur einen Raum mit frischem Duft, sondern die Seifen können später auch zum Händewaschen benutzt werden. Handgemachte nicht-hängende Seifen, dafür in kleinen Schiffchen drapiert, wurden ebenfalls angeboten, nur von einem anderen Händler.

Gemüsestand Niemann-Gemüsegarten.de
Frischer geht nicht: Am Marktstand der Niemanns konnte man Gemüse frisch vom Feld kaufen – zu Preisen wie im Discounter
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Früh übt sich, wer Treckerfahrer werden will

Nicht ganz so praktisch, dafür sehr persönlich, war die Dienstleistung einer Porträtzeichnerin. Wer ein Foto dabeihatte, konnte dieses im Großformat von ihr zeichnerisch „kopieren“ lassen. Währenddessen konnte man begeistert zuschauen oder es sich im Pavillon und an diversen Schlemmerständen gutgehen lassen. Die Kinder waren außerdem aktiv am Bogenstand, auf dem Trecker-Karussell, in einer Buchlesung oder einem Kinderkarussell auf dem alten Schulhof der ehemaligen Meßlinger Schule beschäftigt.

Und diese Schule hat Geschichte: Im Jahr 1665 gegründet, als Fachwerk erbaut, steht sie noch heute und wird privat bewohnt – von Familie Klepper. „Oben wohnten die Lehrkräfte, unten waren zwei oder drei Klassenzimmer, wo unterrichtet wurde“, erklärte Melanie Klepper. Das Grundstück sieht ein bisschen wild aus, passend zur damaligen Zeit, und strotzt vor Sonnenblumen und Rosensorten, die ihre Mutter hegt und pflegt.

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Der „alte Schulhof“ mit Schulgebäude im Fachwerkstil wurde 2001/02 zum Dorfplatz in Meßlingen

„Wir sind froh, dass wir noch drin wohnen können. Ohne meine Arbeit würde es schon schwerer fallen. Das Haus ist ungedämmt und meine Mutter heizt noch immer mit Öfen.“ Sie verrät, dass die Wohnkosten in so einem Fachwerkhaus bei rund 750 Euro monatlich liegen, plus Reparaturen, die ab und zu anfallen. Aufgeschlossen, wie sie ist, lässt sie jederzeit Nachbarinnen gern durchs Gartentor hereinspazieren, die meist zu ihrer Mutter wollen. „Der Platz, auf dem heute das Karussell und die Stände stehen, war damals der Schulhof.“

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„Iria’sStyle“ zeigte die große Schule der Zeichenkunst

Dieses Gespräch ist mehr durch Zufall entstanden, denn sie hatte ihren Künstlerstand direkt vor dem Gartentor aufgebaut. Melanie Klepper alias „Iria’sStyle“ zeichnet nämlich für ihr Leben gern kindliche Figuren, menschlich oder tierisch. Inspiriert von Mangas und Animies zeichnet die 44-Jährige seit ca. sieben Jahren mit dem Bleistift kleine Bilder mit großer Ausdruckskraft, diese sie am Computer mit der Software Photoshop liebevoll coloriert.

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Hokopokus Fidibus – erwecke zum Leben, kleiner Kürbis

Was als Hobby vor rund 30 Jahren begann, wurde zwischenzeitlich in etlichen Gedichtsbüchern von Norbert van Tiggelen verewigt. Auf ihre neuesten gemalten Aquarelle ist sie ebenfalls stolz. Für den Kürbismarkt hat sie viele ihrer Zeichnungen auf Pappe kopiert, die von Kindern ausgemalt und mit nach Hause genommen werden durften. Nur das von dem kleinen Zauberlehrling, der den Kürbis wohl zum Leben erwecken will, blieb auf dem Zeichentisch liegen. Im Übrigen zeichnet sie Deckblätter für Schulhefter jedes Fachs, die besonders oft von ihrer Homepage heruntergeladen werden, weil sie zur Pflicht geworden sind.

Plötzlich ertönte Dudelsackmusik auf dem Dorfplatz. Die Essern Highlanders Pipe Band spielte auf. Die fünfköpfige Liveband sorgte für eine gelungene musikalische Abwechselung. Entsprungen aus der Theatergruppe Warmsen-Bohnhorst e.V. spielten (pipen) und trommelten die Musikerinnen und Musiker in schwarz-roten Kilts gekleidet professionell nach schottischem Vorbild. Dabei sind sie erst seit rund anderthalb Jahren eine Formation, werden aber schon auf verschiedenen Veranstaltungen gebucht.

Doch was wäre ein Kürbismarkt ohne frisch geerntete Kürbisse, zum Beispiel die von Friedrich Tünnermann aus Bückeburg-Petzen. Dabei galt es zu beachten, dass die aufgemalten Zahlen nicht den Preis darstellten, sondern das Gewicht in Pfund. Denn das wurde auf seiner historischen Waage von Hand mit Gewichten abgewogen. „Pfund kennt ja kaum noch einer“, erklärte er, weshalb er es mit Ausnahme der älteren Generation jedem Bewunderer seines großen und schweren Gemüses erst einmal erklären musste. „Ich selber werde ja bald ein Viertel Jahrhundert alt“, bemerkte der Schaumburger. „Fängt er wieder an zu jammern?“, heißt es vonseiten seiner Freunde, und er gestand ein. Weiter zeigte er auf einen Muskatkürbis, der gar nicht nach Muskat schmeckt, dafür im Inneren weniger Kerne hat und seine Schale weicher ist als bei anderen Sorten. „Am besten schmeckt er – im Gegensatz zu anderen Kürbissorten – wenn er noch nicht ganz reif ist.“

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Bei Friedrich Tünnermann werden Kürbisse traditionell von Hand nach Pfund abgewogen

Aber das war noch lang nicht alles, was auf dem Kürbismarkt in Meßlingen dargeboten wurde. Es geht weiter ins Gewerbezelt. Stundenlang hätte man beim Stühleflechten zuschauen können. Spannend, wenn sich die Handwerksarbeit dem Ende neigt, denn da muss schon mal mit Grillspieß und Schlitzschraubendreher die nass gemachte Weide angehoben werden, um die nächste Bahn einzuweben. In einer anderen Ecke ertastete man Wolle von verschiedenen Schaf- und Ziegenrassen. Schafswolle fühlt sich weicher an als die der Heideschnucken, aber Mohair ist einfach am kuscheligsten.

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Heudreschen wie in alten Tagen – das „Standardwerk Hannover“ war in den 1940er Jahren ein technischer Durchbruch für Landwirte
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Wer will den Frosch jetzt küssen? Speedcarving-Begeisterter Carsten Bölts schnitzte Wünsche frei

Draußen tat sich aber schon wieder was. Ein Oldtimer-Trecker von Deutz aus dem Jahre 1954 treibt lange breite Riemen an. Unter Argusaugen, vorgeführt vom Team des Garten- und Landschaftsbaus Markus Poos aus Petershagen, wurde das historische Standardwerk Hannover angetrieben – eine urige Maschine aus den 1940er Jahren im Wild-Western-Look mit der Bezeichnung „195 205 Stosse“ sollte das Heudreschen in alten Tagen veranschaulichen. Da schüttelte sich schon mal die gesamte Konstruktion und ein Leitungsrohr fiel vom Dach. Schon damals war mit diesem „leutesparenden Zusatzgerät“ beabsichtigt, Arbeiter einzusparen.

Kaum war die Vorführung beendet, schon setzte sich eine Kettensäge in Gang von dem Mann, der beim Speedcarving im Mindenerwald Ende März 2014 (siehe Bericht) schon als Moderator eine gute Figur machte. Förster Carsten Bölts von „Wald und Holz NRW“ sägte minutenschnell einen sitzenden Frosch aus dem Stamm – sehr zur Freude der anwesenden Damen.

Mit einer Kostprobe am Marmeladenstand von Ingrid Strümpler aus Warmsen und einem Austausch über Kürbissuppen-Rezepte endete unser Besuch beim Kürbismarkt am Erntedankfest-Sonntag. (Die Kürbismarmelade war aber auch lecker – uns läuft jetzt noch das Wasser im Munde zusammen). Außerdem erklärte sie, dass man den Flaschenkürbis (auch: „Kalabasse“) in seiner extrem harten Schale einfach lufttrocknen sollte, um ihn aufgrund seiner Form als Trinkflasche einsetzen zu können. Das Fruchtfleisch im Innern wird beim Trocknen praktisch „ausgeschwitzt“.

Wer übrigens solch große Kürbisse kaufte, die man nicht tragen konnte, dem wurden sie per „Kürbis-Taxi“ (Schubkarren oder Bollerwagen) einfach zum Auto gefahren.

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Ingrid Strümpler’s Kürbismarmelade muss man einfach mal probiert haben

Auch wenn wir nicht alle Marktständler, Akteure und Aktionen kennenlernen und erleben durften, da wir erst kurz nach 15 Uhr eintrafen, so bleibt doch eine durchweg positive Erinnerung an diese Veranstaltung hängen, die wir nur weiterempfehlen können. Daher: Versäumen Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf keinen Fall den 10. Kürbismarkt in Petershagen-Meßlingen im nächsten Jahr! Es lohnt sich!


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