Vorschlag: Ambiente zum Unwort des Jahres 2014 erklären

Schluss mit dem Begriff Ambiente in Deutschland

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Mit dem Wort Ambiente werden Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen (create with wordle.net)

Seit Jahren liest man überall dieses Wort in Deutschland: „Ambiente„. Meist um normale, alljährlich stattfindende Veranstaltungen und heruntergekommene Ausstattungen von Wohnungen, Häusern, Hotels oder Lokalen scheinheilig aufzuwerten. Damit muss Schluss sein!

Wir schlagen vor, den Begriff „Ambiente“ zum Unwort des Jahres 2014 zu erklären!

„Schönes Ambiente, perfektes Ambiente, maritimes Ambiente, würdiges Ambiente, idyllisches Ambiente, fühlen Sie sich wohl in diesem Ambiente, wir bieten ein exklusives Ambiente …“, etc. pp. Jede noch so einfache Einrichtung hat jetzt ein Ambiente.

Liest sich doch viel besser als „1-Zimmer-Wohnung ohne Balkon, ohne irgendwas, im Erdgeschoss direkt an der Hauptstraße gelegen“ oder „Parteiprogramm mit Luftballon- und Flyerausgabe“ oder „Schwimmbad mit dreckigen Umkleideräumen“ oder „Flohmarkt mit Bratwurststand zu Luxuspreisen“ oder „Haus mit Wasserschaden und verwahrlostem Garten“ oder „Hotelzimmer mit verschimmelten Duschecken und Krabbeltierchen inklusive“.

Mittlerweile werden Schweineställe zum „idyllischen Ambiente“ erklärt (den Geruch kennen Sie?), Stadtfeste finden im „neuen Ambiente“ statt (Hüpfburg, Kinderchor, Seniorentanz, Amtsreden), Mountainbike-Rennen mit „einzigartigem Ambiente“ (Plastikwasserflaschen werden im Wald den Radlern gereicht, Zeltlager), Beachvolleyball in „tollem Ambiente“ (sandiger Platz, Bierstände, Currywurst).

Als wenn das nicht genug wäre, hier der Hammer: „WM-Ambiente„! (wirklich wahr, Beitrag siehe hier)

Aber was bedeutet eigentlich der Begriff Ambiente, wo kommt er her? Wir klären auf:

Der Begriff „ambiente“ kommt aus dem Italienischen und hat viele Bedeutungen. Meistens wird er in Italien in Verbindung mit Umwelt, aber vor allem mit politischen Umweltfragen benutzt. Das klein geschriebene Wort „ambiente“ verwendet man aber auch in Bezug auf das Umfeld, gewisse Kreise, Milieus, die Umgebung, das Betriebsklima, die Zimmertemperatur oder die Atmosphäre.

Mit einem großen Anfangsbuchstaben allerdings, also „Ambiente“, steht es einzig und allein für „Umweltministerium„, also „Ministero dell‘Ambiente„.

Genau genommen wird der Begriff aus dem Lateinischen „ambiens“ (Genitiv: ambientis, 1. Partizip: ambire) hergeleitet – „amb“ steht für „um“ bzw. „herum“, „ire“ steht für „gehen“, also „herumgehen„.

Irgendein Deutscher hat irgendwann angefangen, das groß geschriebene italienische Wort „Ambiente“ dahin gehend umzudeuten, dass dieser Begriff „ästhetische“ Züge haben könnte. Man könne damit ja jeglichem Umfeld, jeglicher Umgebung, jedweder Veranstaltung oder Immobilie einen gewissen Hauch von Ästhetik verleihen bzw. Urlaubsatmosphäre. Ambiente hört sich gut ankann jeder Deutsche aussprechen.

Und wenn einer anfängt und ein anderer merkt, das kommt an, damit kann man Geld machen, wird die Idee kopiert und kopiert usw. – bis aus einem italienischen Umweltministerium ein deutsches Rundum-Wohlfühlprogramm wird.  

Hätte ja keiner was dagegen, wenn dem so wäre und alle etwas davon hätten. Doch der schöne Schein trügt.

Der Preis wird gleich um ein Vielfaches angehoben, wenn „Ambiente“ draufsteht

Mittlerweile wird dieser Begriff von geldgierigen Menschen missbraucht, um ihren Besitz (Hotel, Immobilie, Mietwohnung) oder ihre Veranstaltung künstlich „aufzuhübschen“. Bürger werden mit scheinheiligen Angaben getäuscht, um ihr sauer erspartes Geld gebracht und sogar ausgeschlossen an bestimmten Plätzen, wo sich „Ambiente“-Verfechter niederlassen.

Hauptsache, der schöne Schein wird nach außen hin nicht getrübt! Es gibt tatsächlich Zeitungen, die extra alles „schönschreiben„, um ihre Möchtegern-Ambiente-Kunden nicht zu vergraulen. Wie sollen sich Bürger ein wahrheitsgemäßes Bild über Land und Leute machen können, wenn einem ständig eine „schöne Welt“ vorgeheuchelt wird? Dem ist nicht so. Schon gar nicht seitens Menschen, die meinen, mit dem Wort „Ambiente“ am Eingang könnten sie sich alles gegenüber anderen Bürgern erlauben, wie z. B. aus öffentlichen Lokalen oder gar öffentlichen Plätzen auszuschließen.

Bürger werden von Ambiente-Verfechtern vertrieben

Da werden Bürger, die tagtäglich hart arbeiten und sich mal eine Stunde Erholung auf einer Wiese am Wasser gönnen wollen, von selbsternannten „Ordnungshütern“ darauf hingewiesen, dass sie sich doch bitte mit ihrem Hund oder ihren Kindern 500 Meter weiter aufhalten möchten, weil das das „Ambiente“ der Herrschaften störe.

Da werden Jugendliche vor dem Eingang der einzigen Disco in der Gegend von Security-Leuten abgewiesen, weil sie „nicht die richtigen Schuhe tragen„. Da werden Obdachlose und sogar Menschen, die sich einfach zum Feierabend ein Bierchen am Brunnen gönnen und die Atmosphäre genießen wollen, aus der Innenstadt vertrieben, weil Ambiente-Verfechter, die gerade ihr bedeutend teueres Getränk im Biergarten genießen, „das nicht mit ansehen können„.

Oder noch viel schlimmer: Da werden Immobilien massenhaft mit Fördergeldern saniert, um Mietpreise in immense Höhen treiben zu können, damit jahrzehntelange Mieter nach Randlagen vertrieben werden können und die „feine Gesellschaft“ einziehen und unter sich sein kann (hier entsteht sozusagen das Getto der angeblich Besserverdienenden, kurz: das „Ambiente-Getto“). Frei nach dem Motto: „Die werden schon sehen, was sie davon haben, wenn sie sich dagegen wehren sollten.“ Notfalls wird ein Kündigungsgrund erfunden (z. B. Eigenbedarf vorgetäuscht) oder anderweitig Druck gemacht (neuestes Angriffsziel: Raucher).

Alles nur schöner Schein

Erst neulich haben wir durch Zufall beobachten können, wie eine junge Frau in hochwertiger Kleidung und Handtasche sich von einem Luxusschlitten-Fahrer nach Hause fahren ließ. Nein, nicht vor eine schicke Villa, sondern vor einen Wohnblock in einem der „Problembezirke„, wie Wohngegenden mit multikulturellen Einwohnern jetzt von diesen Ambiente-Verfechtern herablassend bezeichnet werden. Diese attraktive Frau mag auf der wahrscheinlich exklusiven Veranstaltung einen guten Eindruck gemacht haben, was jedoch nichts an der Tatsache ändert, dass sie in einer „Problemgesellschaft“ aufwächst. Wielange kann der schöne Schein also noch gewahrt bleiben?

Bruchbude zum Luxuspreis

Fakt ist, dass irgendeiner irgendwann mal angefangen hat, das Wort „Ambiente“ einzusetzen, um seine „Bruchbude“ für einen höheren Preis, als sie wert ist, verkaufen zu können. Und die Masse hat’s nachgemacht. Seitdem hat alles ein Ambiente, ob Schweinestall, Bratwurstbude, die Kneipe um die Ecke oder die 1-Zimmer-Dachgeschosswohnung ohne Dachdämmung, Balkon oder irgendwas. Selbst „Bücher haben ein modernes Ambiente“ <grööööhl>

Schluss mit lustig – „Ambiente“ zum Unwort des Jahres erklären

Wir schlagen daher der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) öffentlich vor, den Begriff „Ambiente“ zum Unwort des Jahres 2014 zu erklären! 

Ein Wort, was in Deutschland zu missbräuchlichen Zwecken verwendet wird, um Wucherpreise zu begründen und bestimmte Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen, darf nicht länger in einem positiven Kontext stehen.

Ergänzung 10.07.2014: Vorschlag ist auch direkt per E-Mail an die Universität Trier versandt worden.


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