Reparieren statt wegwerfen und alte Dinge kreativ umgestalten

Erstes Kreativ- und Reparatur-Kaffee in Minden begeisterte Besucher - Schallplatten wurden zu Lampen, Toilettenpapier zu Samenbändern, Xylofon bekam neue Zapfen

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Beim Kreativ- und Reparatur-Kaffee in Minden konnte repariert, gebastelt und gewerkelt werden – hier ein Xylofon, was von Thomas Wirtz erneuert wurde – Fotos: onm

„Wir sind die Graswurzel-Bewegung“, beschreiben Elisabeth Schmelzer und Birgit Brinkmann Ideen und Projekte rund um das erste Kreativ- und Reparatur-Kaffee in Minden. „Wir schieben an, machen’s vor, vernetzen, und andere können es nachmachen.“ Das ließen sich die Mindener nicht zwei Mal sagen und erschienen zahlreich zum Basteln, Werkeln, Stricken, Nähen, Malen, Modellieren und Reparieren.

Alexander Wirtz, Entwicklungsingenieur und Sohn des Kantors, lud am vergangenen Samstag ins Gemeindehaus der Christuskirche nach Todtenhausen / Kutenhausen ein. Obwohl sein Aufruf über Facebook nicht viele Menschen erreichte, so hatte es sich doch schnell rumgesprochen, dass es dort für Jung und Alt mehr zu entdecken gibt als „nur“ Kaffee und Kuchen.

Unter dem Motto „alten Dingen eine neue Chance geben – reparieren statt wegwerfen“ konnten Interessierte defekte Kleingeräte vorbeibringen, die von ihm und anderen Mitwirkenden versucht wurden, wieder flott zu machen. Trotz vorhandenem Spezialwerkzeug gelang es zwar nicht, einen hochwertigen Milchaufschäumer einer älteren Dame aufzuschrauben, dafür wurde eine elektrische Zahnbürste einer anderen Besucherin zu neuem Leben erweckt.

Kantor, Kirchenmusiker und Chorleiter der Christuskirche, Thomas Wirtz, nutzte die Gunst der Stunde und reparierte derweil ein großes Xylofon aus dem Instrumentenbestand (siehe Titelbild). „Die Gummihalterungen (genannt: Zapfen) gehen leicht kaputt, brechen oder verbiegen sich. Dann klingt es nicht mehr“, erklärte er. Schließlich würde das Instrument diese Woche gebraucht, weil er zusammen mit einer internationalen Musikgruppe spielen wird.

Auch alte Gegenstände konnten mitgebracht werden, um diese kreativ verwerten zu können. So zeigte uns Jens Kriete, wie man aus alten Vinyl-Schallplatten Lampen und Schalen kreiert. Zuerst klemmte er die Schallplatte in einen selbst hergestellten Holz-Spannrahmen, zog die Klemmschrauben fest, und schob das Gespann bei vorgeheizten 150 Grad für ca. zwei Minuten auf den Grillrost eines haushaltsüblichen Backofens. Je nachdem, welche Form entstehen soll, legte er vorher entweder eine runde oder eckige Glasschale unter das Schallplattengespann.

In Windeseile verformte sich die Schallplatte aufgrund der Hitze über der Schale und ging auf wie ein Kuchen. War die gewünschte Form erreicht, holte er das Gespann aus dem Backofen (dabei darf die Platte nicht berührt werden, sonst gibt es Dellen). Kurz abgekühlt, konnte er die Schallplatte aus dem Spannrahmen entfernen, und heraus kam eine individuelle schwarze Schale mit Boden, die sich durchaus sehen lassen kann. Möchte man beispielsweise eine höhere Lampe mit Rillen herstellen, kann man vorher Löcher in die Schallplatte bohren und dann mit einem Heißluftfön die Form bearbeiten. Je weiter die Platte gezogen wird, desto transparenter (dünner) wird sie. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Erwerben konnte man die Schallplatten-Schalen gegen eine freiwillige Spende, Höhe egal. „Was es ihnen wert ist“, so Alexander. Auch die Kaffee- und Kuchen-Ausgabe war auf Spendenbasis.

In einem etwas anderen Gefäß aus getrockneten, geschnitten Ästen und Bambus ähnlichen Gräsern versuchten sich zwei Teilnehmer mehr oder minder erfolgreich. Über oder in eine Metallschale gelegt klebten sie die Aststückchen kreuz und quer aneinander, bis schließlich eine Art Korb-Schale entstand.

Alexander Wirtz (re.) und Freunde stellten einen 3D-Drucker vor

Alexander Wirtz (re.) und Freunde stellten einen 3D-Drucker vor

Leichter hatten es da Alexanders Freunde, die einen selbst konstruierten 3D-Drucker vorstellten. Einmal die Software am Notebook gestartet und Kunststoff in den Drucker eingefüllt, druckt die – aus Maschinenteilen und an einem anderen 3D-Drucker gefertigten Verbindungsteilen – gebaute Maschine stundenlang von alleine. Heraus kam zum Beispiel eine „Batman“-Keksausstechform oder ein Behelfsmittel, um aus Zahnpastatuben mehr rauszuquetschen.

Karin Schulze hingegen malt lieber Aquarelle – und das seit 1980. Nachdem sie von Alexander angesprochen wurde, ob sie nicht ihre Kunst anderen beibringen möchte, sagte die 74-Jährige sofort zu und kam spontan auf die Idee, aufgrund der bevorstehenden Osterzeit, aus Kalenderblättern und Aquarellen der Teilnehmer Geschenkbeutel zu basteln. Dafür zeichnete sie eine Schablone, deren Maße sie einem fertigen Beutel entnahm, und vervielfältigte die Schablone, damit es andere nachmachen konnten. Zudem stellte sie Papier und Tusche zur Verfügung für erste Aquarell-Malversuche. Aufmerksamkeit erweckte auch ihre schwarze Pralinenschachtel, in deren Rahmen sie eine ihrer signierten Aquarell-Kunstwerke von der Christuskirche einfügte.

Außerdem verwies sie auf die seit 11 Jahren bestehende Aquarell-Gruppe des Kutenhauser Heimatvereins, an der alle 14 Tage montags rund 15 bis 16 Frauen aus allen Altersgruppen teilnehmen. Neue Teilnehmer sind jederzeit willkommen.

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Kirsten Habbe lernte von Monika Ruchatz das Stricken

Neben einer Schneiderin, die ihre Nähmaschine für Änderungen und Kleidungsreparaturen zur Verfügung stellte, zeigten sich auch Monika Ruchatz (52) und Kirsten Habbe (35) mit ihrer „Strickeria“ kreativ. Vor den Augen der zahlreichen Besucher strickten sie „drei Rechts, eins Links“, was das Zeug hielt, und gaben hilfreiche Tipps. „Wir sind auch in Hauptschulen aktiv und haben einmal 16 Stunden lang mit Flüchtlingskindern im Alter von 12 bis 17 Jahren Handy-Socken gestrickt“, erzählte Monika. „Die waren sehr aktiv dabei. Dabei verständigten wir uns mit Händen und Füßen. Denn Handarbeit ist ja auch eine Art Kommunikation. Und Kommunikation ist das Ziel unserer Handarbeits-Gruppen.“

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Monika Ruchatz findet, dass Stricken wie Yoga beruhigt

Außerdem scheint es ungemein zu beruhigen, wenn man den beiden Frauen so zuschaute. „Fast wie Yoga“, bemerkte Monika. „Außerdem ist es gut gegen Demenz, man muss ja im Muster bleiben.“ Kirsten konnte das nur bestätigen, sie hat durch Monika das Stricken gelernt. „Auch 14-Jährige wollen wissen, wie man strickt“, erklärte sie, „oder die Oma begleiten.“ „Wobei sie dann mitgestrickt haben“, ergänzte Monika.

Dann waren noch die „Tauschzwerge“ anwesend, eine Gruppe aus Müttern, die einen Teil ihrer Kinder mitbrachte. Sandra Harmening-Schmidtke und Co. suchen ständig gebrauchte Kinderkleidung, Spielzeug und alles rund ums Kind (beispielsweise Wickeltisch, Kinderwagen, Bücher usw.), das sie mit anderen Müttern tauschen (nicht an- oder verkaufen). „Wir sind jetzt circa 40 Mütter und tauschen alles untereinander, es bleibt ja immer irgendwas übrig oder die Kinder wachsen aus ihrer Kleidung“, meinte Sandra.

Am 30. April 2016 werden sie ihr Tausch-Projekt auch im Garten Tausendschön (GreenFairPlanet) in Minden vorstellen zum „1. Offener Gartentag“ von 14 bis 17 Uhr (siehe auch unser Bericht).

Apropos Garten. Elisabeth Schmelzer, Pressesprecherin von GreenFairPlanet e.V., zeigte, wie man mit ganz einfachen Mitteln praktische Saatbänder herstellen kann. Dafür kochte sie eine Mehlschwitze (Mehl und Wasser) und tröpfelte diese in angemessenem Abstand auf Toilettenpapier, das sie vorher in Längsrichtung in zwei Hälften teilte. Auf jeden Tropfen Mehlschwitze gab sie ein Samenkorn (z. B. Kräuter- oder Blumensamen). Nun klappte sie die andere Hälfte Toilettenpapier drüber. Fertig ist das Saatband, das man ins Beet oder den Blumenkasten auf dem Balkon legen kann. „Einfach auf die Erde legen und nur eine dünne Schicht Erde über das Band geben“, erklärte sie. „Für Saatbänder zahlt man im Handel rund 3 Euro, so ist es viel günstiger. Außerdem verwenden wir ausschließlich Bio-Samen.“

Diplom-Sozialwissenschaftlerin Birgit „Brennhild“ Brinkmann aus Rinteln ist ebenfalls von den Saatbändern überzeugt. Sie war es, die den „1. Tag der Brennnessel“ ins Leben rief (siehe unser Bericht), daher ihr Spitzname. Ihre Ideen und Projekte rund um essbare Wildpflanzen stellt die lustige Ernährungs- und Ökologie-Spezialistin auf ihrer Homepage www.kann-man-essen.de vor. „Alles, was die Menschen zum Überleben brauchen, fanden sie ursprünglich in der Natur. Ein wichtiges Grundnahrungsmittel unserer Vorfahren war die Brennnessel“, erklärt sie auf ihrer Webseite und gründete eine „Brennnessel-Lobby“.

„Wir haben zwei Ziele“, ergänzte Schmelzer. „Einzelne Personen und die Lebensmittelindustrie zum Umdenken zu bewegen – für eine gesunde und nachhaltige Lebensweise.“ So verschenkte sie am Veranstaltungstag verpackte Bio-Lebensmittel sowie drei Kisten voll mit Bio-Broten und -Brötchen vom Bäcker und wies darauf hin, dass diese „vor der Tonne gerettet“ wurden.

Schlussendlich möchte Alexander Wirtz sein Kreativ- und Reparatur-Kaffee mit diesem Aktionstag ankurbeln und Menschen zum Selbermachen anregen. „Dazu werden noch Handwerker und Künstler gesucht“, sagt er, „die reparieren können und mit Holz, Farben, Lacke und anderen Materialien mitmachen möchten.“

Denn geplant ist, das Angebot ab Mai dieses Jahres als Offene Werkstatt im Gemeinschaftsgarten Tausendschön anzubieten, so Elisabeth Schmelzer: Montag und Mittwoch ab 16 Uhr und Samstag ab 15 Uhr. Interessierte können sich auf der Homepage www.greenfairplanet.net informieren oder per E-Mail unter info@greenfairplanet.net.


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