Nervige Telefonate vor dem Haus der Nachbarn

Oder warum man während des Griechenland-Referendums in Minden als "DDR-Schlampe" betitelt wird - eine Smartphone-Anekdote

Joachim Kirchner / pixelio.de

Handygespräche direkt vor dem Haus fremder Leute möchte nicht jeder mithören und kann den nachbarschaftlichen Frieden stören – Symbolfoto: Joachim Kirchner / pixelio.de

Was müssen sich Nachbarn nicht alles „anhören“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Laute Handy- oder Smartphone-Gespräche direkt vor dem Haus, zu der Zeit, wenn sich Hase und Fuchs eigentlich Gute Nacht sagen wollen, sind nervig. Wird man dann aber als „DDR-Schlampe“ bezeichnet, wenn man darauf hinweist, geht das eindeutig zu weit.

So gestern Abend geschehen. Gegen 22 Uhr will man dem Abstimmungsverlauf des Referendums in Griechenland im heimischen Fernseher aufmerksam folgen, wie immer in normaler Zimmerlautstärke, damit sich Nachbarn nicht daran stören können. Pustekuchen, man versteht kein Wort, da irgendwelche Stimmen von draußen den Fernseher übertönen. Die Fenster sind natürlich angekippt, um sich nach der schwülen Hitze und dem gestrigen Gewitter mit starkem Regenschauer abkühlen zu können.

Man ist ja geduldig, der Krach von draußen ist sicherlich gleich vorbei, vielleicht verabschieden sich irgendwelche Leute gerade, um dann nach Hause zu fahren. Quietschende Autoreifen und schnelle Fahrgeräusche waren ja kurz zuvor auch zu hören aus der (eigentlich) 30-km-Zone.

Circa 15 Minuten später. Die lauten Stimmen sind immer noch zu hören. Den Fernseher will man jetzt aber nicht lauter drehen, die Fenster auch nicht schließen. Also ist aufstehen angesagt, auf den Balkon gehen und schauen, wo die störenden Geräusche herkommen.

Doch wider Erwartens stehen da nicht mehrere Menschen, die sich unterhalten, sondern lediglich eine weibliche Person, die mit ihrem Smartphone laut auf dem Fußgängerweg vor dem Haus telefoniert. Und sie steht dabei auf der Stelle.

Man schaut sich an. Die telefonierende Dame bemerkt den angenervten Blick. Keine Reaktion, sie telefoniert weiter an ihrem Platz. Nun bittet man sie freundlich darum, doch etwas leiser zu telefonieren oder mit dem Handy weiterzuziehen, da man das Telefonat bis in die Wohnung hört. Aber das war wohl die falsche Wortwahl.

Denn die Frau geht sofort auf Konfrontation, ihre Stimme wird noch lauter als beim Telefonieren, und entgegnet: „Ich kann telefonieren, wo ich will. Ich wohne hier. Sind Sie von der Stasi? Haben Sie etwa mitgehört? Dann schließen Sie doch die Fenster.“ Als dies abgelehnt und nochmals freundlich, aber bestimmend, darum gebeten wird, doch bitte nicht so laut mit dem Handy zu telefonieren oder an anderer Stelle, kriegt man im noch lauteren Ton als vorher zu hören: „DDR-Schlampe. Verziehen Sie sich in Ihre Wohnung.“ Und sie telefoniert fleißig weiter.

Man bekommt Verstärkung. Der Mitbewohner erscheint auf dem Balkon, hört sich das Gezeter zuerst an. Sodann bittet man zu zweit die freiheitsliebende Smartphone-Telefoniererin darum, die Beleidigungen zu unterlassen. Doch diese wird noch aggressiver und vergreift sich mehrmals im Ton – läuft aber schon mal ein paar Schritte weiter – ihr Telefonat dabei nicht aus den Augen verlierend.

Nun musste die genervte Nachbarin etwas deutlicher werden: „Wenn Sie nicht unverzüglich die Beleidigungen unterlassen und leiser werden, rufe ich die Polizei.“ Im ersten Augenblick unbeeindruckt von der Ankündigung, bewegt sich die telefonierende „Dame“ dann doch Richtung Eingang des Nachbarhauses, als sie wohl bemerkte, dass man es ernst meint. Nach ein paar hinterherrufenden weiteren Beleidigungen und Anschuldigungen (z. B. was das Haustier betrifft) dieser Person schafft sie es tatsächlich wohl bis in ihre Wohnung – mit Smartphone am Ohr.

Der Mitbewohner macht noch darauf aufmerksam, dass das doch die Frau wäre, die immer hinterm Haus auf der Bank läge und stundenlang laut telefoniere. Naja, scheint wohl eine Eigenart dieser Nachbarin zu sein. Dass mit ihr auch nicht gut Kirschenessen ist, hat man ja jetzt gelernt. Nun gut, mit Griechenland sieht’s auch nicht rosig aus – zumindest, was Europa und die USA betrifft. Schaun wir mal, was das Nein zum Referendum der Griechen noch so mit sich bringt.

Es ist spät geworden. Die Nacht verlief ruhig. Und mal abgesehen davon, dass die kurzzeitig von ihrer Ruhe gestörte Nachbarin weder aus der DDR kommt, daher auch kein Stasi-Spitzel war, noch die privaten Gespräche anderer Leute mit anhören möchte, lässt sie sich von solchen Ruhestörern und verbalen Angriffen nicht beeindrucken. Aber manchmal wünscht sie sich doch diese kultigen kabelgebundenen Tisch-Telefone mit Hörer und Wählscheibe zurück.

In dem Sinne: Heute ist ein neuer Tag. Auf gute Nachbarschaft, liebe Mindener. Bleiben Sie gesonnen.


Für ON zahl ich freiwilligSie meinen, dieser Bericht ist Ihnen was wert? Dann zeigen Sie doch Herz und unterstützen Sie unsere journalistische Arbeit durch einen Für ON zahl’ ich freiwillig-Beitrag. Herzlichen Dank!
Diesen Bericht empfehlen/teilen:
Dieser Bericht wurde 980 mal gelesen. Vielen Dank! Und hier finden Sie weitere:

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.