Lieber Schenkelbruch als Axtbruch

Spektakuläre Timbersport-Vorführung von Dirk Braun und 2. Speedcarving-Wettbewerb sorgten für rasante Unterhaltung während der 10. Holztage Mindenerwald 2016 in Hille

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In schwindelerregender Höhe demonstrierte Timbersportler Andreas Striewe die Disziplin „Springboard“ bei den Holztagen Mindenerwald 2016 – Fotos und Video: onm

Absolute Körperbeherrschung, Schnelligkeit und mit Axt und Kettensäge präzise treffen und perfekt umgehen können – Dirk Braun und Andreas Striewe zeigten vollen Einsatz beim Timbersport während der 10. Holztage Mindenerwald. Genau wie Michael Krüger, der sich beim 2. Speedcarving-Wettbewerb in Hille mit seiner Holzskulptur erneut den ersten Platz für die Deutsche Meisterschaft sicherte. Und SL-Waldmeister konnte alle Brennholz-Stapel versteigern.

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Die 10. Holztage Mindenerwald wurden feierlich eröffnet

Am vergangenen Wochenende drehte sich auf dem Gelände des Entsorgungszentrums Pohlsche Heide (Kreis Minden-Lübbecke) alles um das Thema Holz: zum Verfeuern, für den Hausbau oder Garten – ob ganze Stämme, Bretter, kamingerechte Scheite oder in Pelletsform. Über 20.000 Besucher folgten dem Aufruf von Veranstalter Ralf Seipp (Wald und Holz NRW) und nahmen die Gelegenheit wahr, sich bei der Jubiläumsveranstaltung über nachhaltiges Bauen und Heizen zu informieren. Außerdem sorgten spektakuläre Aktionen an zwei Tagen für Unterhaltung.

In einer offiziellen Eröffnungsfeier am 12. März begrüßte Thomas Kropp (Gesellschaft zur Verwertung organischer Abfälle) die eingeladenen Gäste. Grußworte zum 10-Jährigen übermittelten Peter Knitsch (Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW), Marianne Thomann-Stahl (Bezirksregierung Detmold) und Landrat Dr. Ralf Niermann (Kreis Minden-Lübbecke). Lars Schmidt (Hauptgeschäftsführer Deutsche Säge- und Holzindustrie) machte in einem Vortrag auf die Bedeutung der Sägeindustrie in Nordrhein-Westfalen aufmerksam. Franz Stockmann vom Regionalforstamt Ostwestfalen-Lippe (OWL) eröffnete schließlich am Samstag gegen 11 Uhr die Veranstaltung für Besucher.

Wir waren am Sonntag vor Ort und konzentrierten uns auf die action-reichen Ereignisse, die schon vor dem Gelände anfingen, denn rund um das riesige Gelände war so gut wie kein Parkplatz mehr frei. Am hintersten Ende einen gefunden, waren wir froh, endlich am Haupteingang eingetroffen zu sein, und waren auch schon mitten im Geschehen:

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Dass Brennholz begehrt ist im Mühlenkreis zeigte sich bei der Versteigerung von SL-Waldmeister am Sonntag

Brennholz-Versteigerung

Zuerst stießen wir auf massive Buchenholzstämme mit verschiedenen Durchmessern, in Stapeln auf dem Boden liegend angeordnet. Jeder „Polter“ hatte eine Nummer und wurde mit einem Mindestgebotspreis nach Raummeter ausgezeichnet. Gerhard Schramm und Schwiegersohn Maik Levermann von der SL-Waldmeister GbR aus Rahden (siehe Vorbericht) standen schon am Start, denn gleich ging es los mit der Brennholz-Versteigerung.

„195, 215 Euro, zum Ersten, zum Zweiten, und … da sind die 220, 225, zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten, die Nummer 12 gewinnt“, moderierte Auktionator Rüdiger Goertz, zweiter Schwiegersohn von Geschäftsführer Schramm, und brachte das begehrte Feuerholz bei den zahlreich erschienenen Bietern unter den Hammer. Denn Buche ist das beste Brennholz, was auf dem deutschen Markt erhältlich ist, und gilt als der sauberste Energielieferant unter den Brennstoffen. In Sachen Heizwert hat das Hartholz neben Eiche und Co. eben die Nase vorn.

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Rund 16 Holzpolter kamen bei der Brennholz-Versteigerung unter den Hammer

Das „Schätzchen“ unter den Poltern, die Nummer 10, brachte von Bieter Nummer 44 bei strahlendem Sonnenschein satte 500 Euro ein. Zu erkennen waren die Bieter an den extra vom SL-Waldmeister-Team vorbereiteten nummerierten Holzscheiben, die bei Gebot hochgehalten wurden.

SL-Waldmeister

Wer geboten hat, kommt mit aufs Bild: (v. li.) unbekannter Bieter, Maik Levermann, Rüdiger Goertz, Gerhard Schramm

„Die Stämme können hier vor Ort bei entsprechender Schutzkleidung zersägt und zurechtgehackt werden, müssen aber bis zum 19. März, zum Beispiel mit Hänger, selbst abgeholt werden“, erklärte Levermann.

Das erworbene Brennholz, was direkt nach dem Zuschlag gegen Quittung bar bezahlt wurde, markierte er per Spraydose mit den Namen der Käufer. Bis zur Abholung bleibt es sicher auf dem Gelände Pohlsche Heide gelagert.

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Unimog 1300 L, Bj. ’85, von SL-Waldmeister

Apropos Schätzchen: Gerhard Schramm machte stolz auf seinen grasgrünen 1985er Unimog 1300 L Bundeswehr-Lkw aufmerksam, den er vor ein paar Jahren erwarb und umlackierte.

Seitdem dient das robuste Gefährt als Werbefläche und Auslieferungsfahrzeug für boxenweise Kaminholz sowie säckeweise Pellets und Holzbrickets.

Timbersport mit Dirk Braun

Kaum war die Versteigerung vorbei, brauchte man sich nur umzudrehen und traf auf den mehrmaligen Europameister und aktuellen Deutschen Meister (Köln) im Sportholzfällen, Dirk Braun. Mit einer Engelsgeduld erklärte er nicht nur marathonverdächtig, worauf es beim sogenannten „Timbersport“ ankommt, sondern veranschaulichte zusammen mit Andreas Striewe „Step by Step“ den Zuschauern, wie es funktioniert.

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Timbersport-Profi Dirk Braun moderierte durch seine Vorführung

Und Schritt für Schritt war wörtlich zu nehmen. Beginnend mit der Disziplin „Springboard“, eine moderne Abwandlung aus der traditionellen Art des Baumfällens, schlug Striewe mit einer schweren Axt Kerben in einen aufrecht stehenden Baumstamm, um darin Trittbretter einzupassen. Da sich das abzuschlagende Stammstück rund vier Meter über dem Boden befand, musste er zwei Trittbretter in unterschiedlicher Höhe anbringen.

Um das zweite Trittbrett anbringen zu können, stellte er sich auf das erste, schlug wieder eine Kerbe auf Beckenhöhe und passte das zweite Trittbrett ein. Dieses erklommen konnte er aus der Standposition heraus den oberen Teil des Baumstamms, der bei Wettkämpfen einen Durchmesser von 27 cm aufweist, schließlich mit der Axt zerteilen. Und das Ganze sah so aus:

Ein kräftezehrender Akt, der sportlich nicht zu unterschätzen ist. Außerdem warnte Braun vor den beim Schlagen herumfliegenden Holzstücken, die zu lebensgefährlichen Geschossen werden können. Wie sich ein Sportholzfäller selbst vor gefährlichen Axthieben schützt, zeigte Striewe – wieder am Boden angekommen – live an seinen Stahlketten-Socken.

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Um schwere Verletzungen beim Ausrutschen der Axt vorzubeugen, behelfen sich Timbersport-Profis wie damalige Ritter mit Stahlkettensocken

Denn auch durchtrainierten Sportlern wie dem 29-Jährigen, der schon seit neun Jahren in Bayern dabei ist, kann mal die Axt ausrutschen. Von der Verletzungsgefahr am Springboard mal ganz abgesehen, ergänzte Braun, da blieben Knochenbrüche und Schwellungen nicht aus. „Ja, aber die Axt ist teurer“, bemerkte Striewe, „um die 500 Euro muss man für so ein gutes Stück hinblättern.“

„Aha, also lieber Schenkelbruch als Axtbruch“, scherzte Braun und beide lachten.

Underhand Chop

Doch nun war wieder volle Konzentration von Andreas Striewe abgefordert. Weiterhin in allen Einzelheiten von Dirk Braun erklärt, stellte sich Striewe breitbeinig auf einen horizontal aufgebockten Baumstumpf von etwa 30 Zentimeter Durchmesser, den es galt, von zwei Seiten mit einer Axt durchzuhacken. Hierbei werden große Kerben in den Stamm gehauen, bis er in zwei Teile zerfällt. Simulieren soll diese Wettkampf-Disziplin namens „Underhand Chop“ das Teilen bzw. Ablängen eines bereits gefällten Baumstammes.

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Beim Underhand Chop müssen von beiden Seiten zwischen den Beinen solange Kerben in den Baumstamm gehackt werden, bis er auseinanderfällt

In einer Pause trafen wir durch Zufall auf die gut gelaunten Straßenmusiker von „Modern Walking“. Die dreiköpftige Akustikband war dieses Mal (letztes Mal trafen wir sie in Minden, siehe Bericht) im Baustellen-Outfit unterwegs und unterhielt die Besucher im Vorbeigehen.

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„Modern Walking“ unterhielt die Besucher während der Veranstaltung musikalisch im Vorbeigehen

Single Buck

Während der gesamten Timbersport-Demonstration bezog Dirk Braun seine „Kollegen“ aus den Wald- und Holz-Berufen wie auch die aufmerksame Zuschauermenge mit ein – nur ihn selber hatte man noch nicht in Aktion gesehen. Das holte er unvermittelt beim „Single Buck“ nach. Mit einer mannshohen (bzw. -langen) Zugsäge sägte er in Sekundenschnelle eine Scheibe von einem etwa 50 cm starken Baumstamm ab, als wäre er aus Butter. Auch diese Disziplin soll das Ablängen eines Baumes simulieren.

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Dirk Braun sägte in Nullkommanichts mit der „Single-Säge“ eine Scheibe vom Stamm

Soweit so gut – die beiden Sportholzfäller hatten nun genug demonstriert. Jetzt brauchte es einen Freiwilligen unter den Besuchern, der sich an die Säge traute. „Ich weiß, die meisten Männer schauen an dieser Stelle weg oder drehen sich um“, scherzte Braun. Doch dann stellten sich gleich zwei Brüder für das „Single-Sägen“ zur Verfügung.

Mutig fing der Jüngere (50) von beiden an und kämpfte sich durch den Stamm, was er gar nicht schlecht machte, nur „etwas“ länger brauchte als der Profi. Dabei stand ihm Striewe helfend zur Seite, der zwischenzeitlich einen Keil in das Holz trieb, damit die Säge nicht stecken blieb. Der Ältere der beiden Brüder schnaufte mit seinen „fünfzigeinhalb“ Jahren schon etwas mehr, aber auch er schaffte es. Hut ab – von den beiden tatkräftigen Männern könnten sich einige eine Scheibe abschneiden, las man praktisch von den offenen Mündern der Zuschauer ab.

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Welche Kräfte ein „Bürohengst“ aufbringen kann, zeigte erfolgreich ein Besucher, der sich freiwillig am „Single Buck“ versuchte

Hot Saw

Doch genug gequasselt, gehackt und von Hand gesägt. Jetzt kam der Moment, auf den alle gewartet hatten. Rohe Maschinengewalt von Dirk Braun war am Start, es wurde laut – eine Motorkettensäge wurde gestartet … Wie jetzt, eine „normale“ Stihl®?! Der Mann machte es aber auch spannend.

Er ließ erst mal Striewe „buckeln“, der wie beim richtigen Wettkampf sich hinter die Motorsäge kniete parallel zum Stamm, und auf Startschuss von unten nach oben und umgekehrt hintereinanderweg Scheiben vom Stamm schnitt – pro Wimpernschlag eine Scheibe sozusagen, so schnell war er mit der „heißen Säge“, die 28 Kilo auf die Waage bringt.

Jetzt aber, Meister Braun mit den auffallend großen Muckis bewegt sich an seine 60 Kilogramm schwere Spezial-Motorsäge, Marke Eigenbau. Er zieht am Strang, lässt den Motor aufheulen, und aus. Jetzt kniet er sich genauso wie sein Partner zuvor auf den Boden, die Säge vor sich stehend, und „Go!“.

Wie rasant und laut die Disziplin „Hot Saw“ von Dirk Braun bewerkstelligt wird, haben wir per Video festgehalten:

So, damit dieser Beitrag nicht ausartet, lassen wir an dieser Stelle genaue Erklärungen zum 2. Speedcarving-Wettbewerb, der ebenfalls während der 10. Holztage Mindenerwald stattfand, weg. Wer wissen möchte, worum es bei dieser Sportart geht, den verweisen wir auf unseren Bericht von 2014.

Im Finale ging unter sieben Teilnehmern als Sieger Titelverteidiger Michael Krüger (40) aus Thüringen hervor, der mit seiner aus Holz gesägten fliegenden Eule für ordentlich Aufmerksamkeit sorgte. Obwohl er erst seit 3 Jahren beim Speedcarving dabei ist, sei er doch ordentlich „vorbelastet“, erklärte er. Denn sein Vater schnitzt schon seit 15 Jahren in Holz.

Warum die Homepage nun ausgerechnet „Hexenmacher“ heißt, erklärte er abschließend gern: „Mein Vater wollte einmal Schneewittchen sägen. Die wurde dann so schön, dass sie fortan eine Hexe war.“Was für ein märchenhafter Abschluss für so einen erlebnisreichen Tag.

Natürlich mit Gruppenfoto der Finalisten, Förster und Mitwirkenden, die mit Geschick, Kreativität und Lebensfreude sowie ihren Holzskulpturen Tausenden von Besuchern zwei Wochenendtage versüßt haben:

Michael Krüger (Mitte) gewann auch in diesem Jahr den 1. Platz im Hiller Speedcarving und ist damit Anwärter für die Deutsche Meisterschaft. Dabei waren auch Förster Carsten Bölts (grüner Pulli) sowie Dirk Kemmener, Hans Kleine, Holger Döpke, Roger Malter, Bernd Winter und Oliver Leissmann

Nun aber zu unserer 229 Bilder umfassenden Fotostrecke:

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Wenn Sie mit der Mouse, dem Finger oder Stift über die Slideshow fahren, können Sie die Bilder vergrößern („Fullscreen“). Sollten Sie die Slideshow nicht sehen können, haben Sie die Möglichkeit, sich diese direkt in unserer Flickr-Galerie anzuschauen.


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