Je bunter die Menschen, desto bunter der Garten

Der Garten Tausendschön in der Stadt Minden öffnete seine Pforten für Besucher und lud zum Säen, Ernten, Spielen und Schnacken ein

Gruppenfoto Garten Tausendschön

Wenn so viel Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten gemütlich unter freiem Himmel regelmäßig zusammentreffen, dann im Garten Tausendschön in Minden – Fotos: onm

Freilaufende Hühner, längst vergessene Kräuter, kultiviertes Gemüse, Erdbeer-Beete und Menschen aus allen Kulturkreisen – das ist der Garten Tausendschön: ein rein biologisch angelegter Gemeinschaftsgarten im Herzen von Leteln in der ostwestfälischen Stadt Minden.

Pflanze Tausendschön

Maskottchen des Gemeinschaftsgartens: die Pflanze Tausendschön

Benannt nach der Pflanze „Bellis perennis“ öffnete er vor über einem Jahr, am 7. März 2015, seine Pforten zum ersten Arbeitseinsatz: der Garten Tausendschön – ein Gemeinschaftsprojekt von Mindenern mit Mindenern und allen, die Minden zu ihrer Wahlheimat auserkoren haben. Wir waren am 30. April 2016 beim offenen Gartentag vor Ort und haben uns diesen „geheimnisvollen“ Stadtgarten einmal angeschaut, der so stark beworben wird.

Durchs Gartentor unter dem bunt bemalten Holzschild „Tausendschön – Dein Gemeinschaftsgarten“ eintretend wird man mit offenen Armen von Elisabeth Schmelzer, der Initiatorin und Foodaktivistin von GreenFairPlanet e.V., empfangen. „Das ist unser Maskottchen“, sagte sie und zeigte auf ein Blumenbeet mit roten und weißen Gänseblümchen, die – im Gegensatz zu ihren bekannten Artverwandten – mit dicht gefüllten Blütenbällchen aufwarten. „Tausendschön“ eben, eine anspruchslose Pflanze, die zwischen März und Mai blüht.

„Das passt doch zu uns“, meinte sie, wobei sie den Begriff anspruchslos damit assoziiert, dass jeder Mensch willkommen ist, egal welcher Nationalität er angehört, ob mit oder ohne Behinderung. Jeder kann mithelfen, säen und ernten, daher die Ergänzung „Gemeinschaftsgarten“. Je bunter die Menschen, desto bunter der Garten.

Kinder beim Salat gießen

Kinder halfen kräftig mit im Garten Tausendschön und gossen die Salatpflanzen

Dass diese Einstellung bei den Mindenern gut ankommt, sah man auf den ersten Blick. Rund zwanzig Leute, Kinder und Erwachsene, wuselten im Garten herum, gossen gerade den Salat, pflanzten Blumen, kochten Kaffee und tauschten am hölzernen Gartentisch Ideen aus. „Schnacken ist wichtig“, erklärte Melanie. Während ihr Mann arbeiten geht, sei sie mit ihren fünf Kindern allein zuhause, da komme ihr jedes Gespräch mit anderen Erwachsenen entgegen.

Mobiler Hühnerstall

Mobiler Hühnerstall auf dem Freigehege

Über Facebook wurde Melanie auf das Projekt aufmerksam und kommt seitdem mit mindestens drei ihrer Kinder regelmäßig vorbei. „Zur Begrüßung gibt’s immer frische Eier aus dem mobilen Hühnerstall“, so Schmelzer. Zusammen habe man schon Radieschen im Gewächshaus gesät sowie einen Schutzplatz aus Restholz und Geäst für Vögel, die am Boden brüten, sogenannte „Erdbrüter“, gebaut. Am Gartenzaun entstehe zudem eine blühende Hecke als Sichtschutz.

Von der angekündigten Kartoffel-Pflanzung musste zwar vorläufig Abstand genommen werden, meinte Schmelzer, da ein Experte ihr aufgrund des feuchten, schlammigen Bodens davon abgeraten habe, denn die Kartoffeln würden sofort verfaulen. Und das Basteln von Blumenherzen für Muttertag spielte sich wohl im Hintergrund ab.

Märchenerzählerin

Märchenerzählerin Rita Maria Fröhle spielte auch auf der Blockflöte

Doch das tat dem Treiben keinen Abbruch, denn die Märchenerzählerin Rita Maria Fröhle unterhielt Groß und Klein mit einem Blockflötenspiel und spannenden Geschichten.

Für Unterhaltung sorgte auf dem 1600 Quadratmeter großen Gelände auch der Mindener Michael Deyda mit seinem eigens erfundenen Familien-Brettspiel „Kardey“ (siehe Bericht), und zwar im Gartenhaus, das er selbst gebaut hat. „Und das ist gestern fertig geworden“, erklärte er, rechtzeitig zum offenen Gartentag. Doch nicht nur das: Der 51-jährige Frührentner brachte gerade drei männlichen Flüchtlingen und zwei deutschen Jungs sein Würfelspiel mit einer Engelsgeduld bei – auf Deutsch und in Englisch, so gut er konnte.

Sie hörten ihm aufmerksam zu und lernten gemeinsam auf spielerische Art und Weise, sich untereinander in deutscher und englischer Sprache zu verständigen sowie das mathematische Addieren und Subtrahieren der erwürfelten Punkte. In der heutigen Zeit von Smartphone, Computerspielen und Co. würden echte soziale Kontakte verloren gehen, meint Deyda. Mit seinem Familienspiel hole er alle wieder an einen Tisch.

Deyda Würfelspiel Flüchtlinge

„Kardey“-Erfinder Michael Deyda erklärt mit Gesten und in gebrochenem Englisch Ihtisham, Rony und Hashim (rechte Bank, v. li.), wie man die gewonnenen Punkte des Würfelspiels zusammenzählt

„Obwohl er so wenig Englisch kann, kann er gut mit den Leuten umgehen und ihnen etwas beibringen, allein wegen seiner Gesten“, lobte ihn Wadood Ahmad, „Guardian“ bzw. Betreuer der drei Geflüchteten. „Hier im Garten Tausendschön haben sie übrigens das erste Mal Deutsch gelernt.“ Als Guardian bezeichnet er sich, weil er 19 Jahre lang als Personenschützer in Deutschland arbeitete, nachdem Familienmitglieder in seinem Heimatland Pakistan vor seinen Augen an der Türe von den Taliban erschossen wurden.

Wadood Ahmad

Betreuer Wadood Ahmad kümmert sich um alle Belange der drei geflüchteten Männer

Nun hat es sich Ahmad (der in Porta Westfalica Computerdienste anbietet) zur Aufgabe gemacht, den drei Männern, die zusammen in einer Wohngemeinschaft leben, mit ihren unterschiedlichsten Kenntnissen und Fähigkeiten, zu helfen, in der Region privat wie beruflich Fuß zu fassen.

Insbesondere Ihtisham Ud-Din aus Wasiristan, Pakistan, habe es ihm angetan, weil er in dem 22-Jährigen einen besonders talentierten Computerspezialisten sehe. „16 Jahre Schule und 2 Jahre College“, erklärte Ud-Din, habe er schon in Pakistan absolviert. Jetzt warte er auf eine Genehmigung, an der Fachhochschule in Bielefeld „Computer Science“ zu studieren.

„Wir bekommen nur zwei Stunden pro Woche Deutschkurs von der Stadt“, so Ud-Din, deshalb komme er in den Gemeinschaftsgarten, um die Sprache schneller erlernen zu können.

Ihtisham Ud-Din

Ihtisham Ud-Din möchte Computer Science studieren

„Rony“ hingegen stammt aus Bangladesh, kam nach seinen rund 13-jährigen Aufenthalten in der Schweiz und Frankreich vor ca. einem Monat nach Deutschland und ist evangelistischer Protestant. Der 31-Jährige wurde als Kind in seiner Heimat adoptiert und leidet, solange er denken kann, unter Wahnvorstellungen (Halluzinationen, Schizophrenie). Elf Jahre seines Lebens verbrachte er deswegen schon in ausländischen Krankenhäusern, wo er meist durch Medikamente ruhiggestellt wurde.

Aufgrund seines Glaubens wurde Rony in seiner Heimat verstoßen, aufgrund seiner Krankheit in keinem Land akzeptiert. In Deutschland gehe man ganz anders mit ihm um, er habe einen netten Arzt und bekomme die Pflege und Aufmerksamkeit, die er benötige. Im Laufe der Gespräche stellte sich heraus, dass er ein grandioser Koch sei, weshalb Ahmad ihn in einem Restaurant unterbringen möchte.

Traue keinem, wo kein Unkraut wächst

Wer auf englischen Rasen und penibel geschnittene Hecken steht, ist beim Garten Tausendschön an der falschen Stelle

Tatsächlich trafen wir dann auf einen Berufskollegen, den 40-jährigen Journalisten „Hashim“ aus Pakistan. Aufgrund der hochrangigen Tätigkeit seines Vaters, der nach seiner Aussage gezielt getötet wurde, sei auch Hashim auf der „Roten Liste“ der Terrororganisation ISIS gelandet und leide bis heute unter Angstzuständen. Er flüchtete und hinterließ seine Frau und zwei Kinder, die er sehr vermisse und nachholen möchte.

„In meiner Heimat ist ein Tier mehr wert als ein Mensch“, erklärte er, „ich wurde geschlagen und verfolgt.“ Teils wegen seiner kritischen Berichte. Er würde sich freuen, wenn er in Deutschland in einer Zeitungsredaktion unterkommen könnte, benötige jedoch noch mehr Deutschunterricht. Auch in seinem Fall wird Betreuer Ahmad ihm und Interessierten, die mit ihm Kontakt aufnehmen möchten, mit Rat und Tat zur Seite stehen.

„Aber auch Menschen mit Behinderung aus der Nachbarschaft kommen zu uns in den Garten“, ergänzte die Initiatorin. „Wir sind Multikulti. Inklusion und Integration wird bei uns gelebt.“ Drei Mal in der Woche treffe man sich (Montag, Mittwoch, Samstag) – gern auch mit Kindern. Wobei Kinder von ihr angeleitet werden, die Aufsicht haben jedoch die Eltern zu tragen, betonte sie.

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Initiatorin Elisabeth Schmelzer (Mitte) beim regen Austausch mit ihren Gartenfreunden

Zum Ende der Veranstaltung reichte Elisabeth Schmelzer noch Kuchen herum, auch Kaffee und andere Getränke gab es kostenlos an dem offenen Gartentag. Schlussendlich deckte sie alle Teilnehmer mit einem Kofferraum voller Biobrote und -brötchen ein, die sie vor dem Wegschmeißen aus Bäckereien gerettet hatte.

So pflanzen, basteln, bauen und schnacken Woche für Woche rund 15 Personen im Garten Tausendschön in Minden-Leteln (Aminghauser Heide 11) und erfreuen sich an dem, was sie selbst bewerkstelligt haben. Jeder kann jederzeit mitmachen.

Nur wer auf englischen Rasen, mit dem Maßband gesetzte Trittsteine und der Nagelschere geschnittene Hecken steht, der ist in diesem wilden bunten Garten an der falschen Stelle. Denn „trau keinem, wo kein Unkraut wächst“, besagt ein liebebevoll gestaltetes Schild mit Pusteblumen.

Informationen zum Garten Tausendschön und weitere Aktionshinweise findet man auf der Website tausendschoen.greenfairplanet.net.


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