„Ich tanze, weil ich liebe“ – Minden erhob sich gegen Gewalt

200 Menschen setzten am Valentinstag 2016 im westfälischen Minden ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen und ungerechte berufliche Verhältnisse

Minden tanzt

Mit gehobenem Zeigefinger und tänzerischer Darbietung zeigten Maja Kurth (Mitte) und rund 70 Frauen und Mädchen am „Tag der Liebenden“ in Minden auf, dass man sich gegen Gewalt an ihnen erheben und Normen brechen würde – Fotos und Video: onm

Rund 200 aktive Frauen, Mädchen, aber auch Männer und Jungs aller Nationalitäten tanzten, sangen und trommelten am Valentinstag 2016 auf dem Johanniskirchhof und im Kulturzentrum BÜZ in Minden gegen Gewalt an der Frauenwelt. „Ich tanze, weil ich liebe, tanze, um den Schmerz zu beenden, tanze, um die Normen zu brechen. Es ist Zeit, die Ketten zu sprengen“ – ein Teil des Liedtextes der weltweiten Aktion „One Billion Rising“, der zum Ausdruck bringen soll, wie ernst es um das Thema steht.

Körperliche und seelische Gewalt wie auch Unterdrückung – ob beruflich oder privat – brauchen sich weibliche Wesen nicht gefallen zu lassen. Denn das vermeintlich „schwache Geschlecht“ weiß, es geht auch anders. So rief die im September 2012 von der New Yorker Künstlerin und Feministin Eve Ensler initiierte Kampagne „One Billion Rising“ (dt.: Eine Milliarde erhebt sich) auch dieses Jahr in rund 190 Ländern der Welt dazu auf, am „V-Day“ (Valentinstag) mit Tausenden von Events auf die Straße zu gehen. Allein in Deutschland beteiligten sich ca. 140 Städte.

Mit erhobenem Zeigefinger und offenem Ohr war zum zweiten Mal „One Billion Rising Minden“ dabei, eine 2015 gegründete Gemeinschaft, die sich zusammenschloss, um auf Gewalt an Frauen und Mädchen in der Umgebung aufmerksam zu machen. Die Idee von Heidi Bierbaum kam gut an: „Wir hatten letztes Jahr, als wir das erste Mal in Minden tanzten, eine gute Resonanz.“ Dafür holten sie Tanzpädagogin Odile Gilbert (57) ins Boot, die eigens für Minden eine viereinhalb-minütige Choreografie erarbeitete. Die gebürtige Französin hält sich dabei strikt an die Musikvorgabe aus den USA. „Es ist immer die gleiche Musik, aber jede Stadt erfindet ihre eigene Performance. Mithilfe eines YouTube-Videos haben einige den Tanz erlernt, damit die Leute nicht kollidieren.“ 

One Billion Rising Minden Johanniskirchhof

Der Johanniskirchhof vor dem Kulturzentrum BÜZ war trotz nasskaltem Wetter gut besucht bei der Mindener „One Billion Rising“-Aktion

Als Wiedererkennungswert zur amerikanischen Mutter-Kampagne dienen dabei pinkfarbene Kleidungsstücke und Accessoires, die vor allem bei Pressesprecherin und Haupt-Organisatorin Maja Kurth (67) unübersehbar waren. „Es war der Wunsch vieler aktiver Frauen, erneut ein Zeichen zu setzen und dies in dieser Form zu tun. Die Übungsstunden waren für einige (Betroffene) ein Quell der Freiheit, des Loslassens, des Geborgenseins und des Redenkönnens. Auch von Tod oder Krankheit betroffene Frauen und Mädchen konnten sich bei uns erleichtern und wurden in den Arm genommen. Grandios finde ich, dass wir dieses Jahr über die Stadt- und Ländergrenzen hinweg wahrgenommen und unterstützt wurden“, erklärte Kurth in ihrer Ansprache. Allein unter den Tänzerinnen befanden sich drei Frauen, die vergewaltigt wurden.

„Maja vernetzt außerdem alle“, betonte Gilbert. „Sie hat alle E-Mails von den Tänzerinnen und Tänzern.“ Eine öffentliche Liste oder Community lehnt die Mindener Frauengemeinschaft ab, um die Betroffenen zu schützen. Wer sich beteiligen möchte oder Fragen hat, kann sich direkt an Maja Kurth wenden unter obrminden@gmail.com oder sich auf der Facebook-Seite informieren. Der rund 350 E-Mail-Adressen umfassende interne „Frauen-Verteiler“ bietet auch wichtigen Zugang zu Psychologen, Beratungsstellen und Ansprechpartnern, wohin die Damen gern vermitteln im Ernstfall.

„Odile liegt diese Veranstaltung aber besonders am Herzen“, weiß Kurth, „weil sie eine Tochter hat und möchte, dass sie in Zukunft ohne Probleme, ohne Einschränkungen leben kann und weiß, dass es Hilfe gibt.“ Gilbert selbst erklärte unter anderem in ihrer finalen Rede, dass sie möchte, dass ihre Tochter weiterhin ihren Beruf nach ihrer Fähigkeit und nicht nach ihrem Geschlecht aussuchen kann – ohne vorher die Erlaubnis eines Mannes einholen zu müssen. Sie wählte Tanzen als Ausdruck einer internationalen stummen Sprache, die von Geburt an allen Menschen gegeben sei und daher nicht erlernt werden müsse. Und sie zählte weitere Gründe auf:

„Ich tanze, weil ich möchte, dass meine Tochter ihr Auto nehmen kann und am Wochenende mit ihren Freundinnen in die Kneipe gehen kann; weil ich möchte, dass sie ihren Partner frei wählen kann und sich auch von ihm trennen kann, wenn er ihr nicht den nötigen Respekt erweist oder weil die Partnerschaft einfach nicht funktioniert; weil ich nicht tolerieren kann, dass sie durch eine Heirat zu einem Objekt wird, dessen Mann sich bedienen kann, wann immer er will – und das mit Gewalt ohne jegliche Konsequenzen, weder juristisch noch gesellschaftlich. Die Jüngeren unter uns denken aber, diese Freiheit, dieses Recht haben wir schon. Ja, das stimmt und das ist gut. Hier und jetzt soll das auch so bleiben und möglichst anderswo auch so sein. Denn keine Religion, keine Gesellschaftsform, keine Tradition darf uns das Recht auf Respekt und Selbstbestimmung aufgrund unserer Weiblichkeit aberkennen.“

Außerdem machte Gilbert auf weltweite Veränderungen zuwider Frauen aufmerksam: „In Polen überlegt man, wie man durch die Hintertür alleinstehende Mütter die finanzielle Unterstützung wegnimmt, weil man die Frauen wieder zu Eheschließungen bewegen will, wo noch Gehorsamkeit gegenüber dem Ehemann gefordert wird. Und dieser Gesetzentwurf wird am stärksten von einer Frau unterstützt. In den Vereinigten Staaten gibt es einen Verein, von einem Juristen gegründet, der fordert, dass Vergewaltigung nicht mehr als Strafe bewertet wird. Er gibt Tipps und Tricks, wie man rechtlich nicht belangt werden kann. Sogar Kurse und Seminare werden angeboten, wie man richtig vergewaltigt, ohne sich strafbar zu machen. Dieser Verein hat in über 63 Ländern Zulauf und Anhänger. Es gab ein Treffen auch hier bei uns in Deutschland – in Berlin am 6. Februar.“ Eine „gruselige Vorstellung“, findet Gilbert.

Gegen all diese Ungerechtigkeiten und Gewalttaten an Frauen und Mädchen, wie auch die traditionelle Verstümmelung von Genitalien in manchen Teilen der Welt, lehnte sich die Mindener „One Billion Rising“-Gruppe am vergangenen Sonntag auf. Auch Schwester Oberin Silke Korff machte in ihrer bewegten Ansprache darauf aufmerksam, dass man ein „friedliches Miteinander“ wolle ohne Gewalt, und die Menschen lernen sollten, „in Achtung aufeinander zuzugehen“. „Ihr müsst die Gewalt nicht aushalten. Es gibt Hilfe, es gibt Unterstützung, auch hier in Minden. Wir wollen Euch bewusst machen: Ihr seid nicht allein“, betonte sie.

One Billion Rising Kuchenbar

Die Kuchen- und Getränkebar im BÜZ, die nicht nur zum Schlemmern, sondern auch zum persönlichen Austausch und Spenden aufrief, fand regen Anklang

Wer jetzt denkt, man fand „Hardcore-Frauenrechtler“ vor, der irrt. Es herrschte eine angenehm locker-heitere Stimmung auf dem Johanniskirchhof und im BÜZ, was vor allem den herzlichen, sympathischen, ausgeglichenen Organisatorinnen und ihren ehrenamtlichen Helfern zu verdanken war. Schon auf ihrer Facebook-Seite hatten sie darauf aufmerksam gemacht, dass Ansprechpartnerinnen vor Ort wären, die für Betroffene „offene Ohren“ hätten und deren Probleme anonym annehmen würden – was auch umfangreich genutzt wurde laut Kurth. Zu erkennen waren die Damen an einem T-Shirt-Aufkleber mit gezeichnetem Ohr.

Während des mehrmals wiederholten Demonstrationstanzes, der kräftigen Applaus aus der Zuschauermenge empfang, begleitete „Samba Raio“ die Veranstaltung durch rhythmisches Trommeln, wie obiges Video zeigt.

One Billion Rising Minden

Der Gospelchor „Feel go(o)d“ aus Holzhausen-Nordhemmern sorgte in der ehemaligen Kirche mit Texten gegen Gewalt an Frauen für Gänsehautstimmung unter den weiblichen wie männlichen Zuhörern

Im Kulturzentrum BÜZ konnte man sich währenddessen vom nasskalten Wetter mit selbstgebackenen Kuchen und warmen Getränken erholen. Außerdem sang im Anschluss unter Klavierbegleitung der Gospelchor „Feel go(o)d“ aus Holzhausen-Nordhemmern drei Lieder mit ausgesuchten Texten. Die Aufforderung zum Mitsingen ging zwar in der Menschenmasse unter, aber die gute Atmosphäre wurde durch den Gesang noch untermalt.

Ein Schmunzeln konnten sich Sabine Elting (54) und Christa Amshoff an der Kuchenbar nicht verkneifen, als ein farbiger Mann mit den Worten „gegen das schlechte Gewissen“ Geld in die Spendenbox warf. „Ich hoffe, dass wir mit den Sponsorengeldern und den Spenden heute Nachmittag unsere Unkosten decken können“, teilte Maja Kurth uns ihre Bedenken per E-Mail mit.

Im Übrigen wurde die Aktion auch von der CDU-Frauenunion Hille tanzend unterstützt. Wir trafen unter anderem die stellvertretende Vorsitzende und Pressereferentin Hanna Hartmann (76) an, die wir nach dem Treffen mit Flüchtlingsfrauen (siehe Bericht) persönlich besuchen durften. Finanziell hat die Gleichstellungsstelle der Stadt Minden, Anne Braszeit, unterstützt und mit Rat zur Seite gestanden.


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