Denkmalgeschützte Mindener Villa wird zum Gewerkschaftshaus

Alte Stadtvilla an der Kaiserstraße in Minden wird zu neuem Leben erweckt von IG Metall, IG Bau und DGB Rechtsschutz - "Papagei" musste dafür weichen, veranstaltet aber "Soliparty" im BÜZ

Die historische Stadtvilla des ehemaligen Buchdruckers Wilhelm Köhler wird zu neuem Leben erweckt – als Mindener Gewerkschaftshaus – Fotos: onm

Wenn Buchdruckereibesitzer Wilhelm Köhler wüsste, dass seiner prächtigen Villa in Minden fast der Verfall drohte und nur durch städtischen Denkmalschutz am Leben erhalten werden konnte, würde er sich im Grabe umdrehen. Aber rund 135 Jahre später nach Errichtung des historischen Baus ist es nun soweit: Die alte Stadtvilla Köhler wird zu neuem Leben erweckt – zum neuen Gewerkschaftshaus der Mindener IG Metall, ver.di, IG BAU und der DGB-Rechtsschutz. Wenn alles klappt, werden die Arbeitnehmerverbände im Juni 2017 das Gebäude beziehen. Einziger Haken: Das Musiklokal „Papagei“ musste dafür weichen.

Jahrelang von den Händen einer Erbengemeinschaft verwaltet wurde die 1881/82 erbaute, mittlerweile sanierungsfällige Stadtvilla des ehemaligen Buchdruckers Wilhelm Köhler in 2016 an die Treuhandverwaltung IGEMET, die immobilienwirtschaftliche Vermögensverwaltung der Gewerkschaft IG Metall in Frankfurt, verkauft. Ein neues Gewerkschaftshaus soll am Brückenkopf 2 Ecke Kaiserstraße entstehen, zentral gelegen mit Blick auf die Weser und die Mindener Innenstadt, in unmittelbarer Nähe des Großparkplatzes „Kanzlers Weide“ und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen.

„Fast drei Jahre haben wir ein geeignetes Objekt in Minden gesucht“, berichtet Lutz Schäffer, Geschäftsführer der Mindener IG Metall. „Und nun glauben wir, das Richtige gefunden zu haben. Das denkmalgeschützte Haus wird das neue Domizil der Gewerkschaften in Minden und städtebaulich ein Kleinod direkt an der Weser werden.“ Der Einzug zusammen mit ver.di, der IG Bauen-Agrar-Umwelt und dem DGB-Rechtsschutz sei für den Sommer 2017 geplant, heißt es in einer Pressemeldung. Zurzeit sind die Arbeitnehmerverbände in Gebäuden am Simeonscarré untergebracht.

Trotz umfassend anstehender Sanierungsarbeiten (Leichtbauwände, alle Versorgungsleitungen, der Öltank, diverse abgehängte Decken müssen raus) ist Stefan Finke, Polier der Lübbecker Baufirma Möller, zuversichtlich: „Dieser Umbau ist sicherlich eine Herausforderung – aber im positiven Sinne und macht jetzt schon Spaß.“ So sieht das auch Henner Wolf vom Architekturbüro Lax und Wolf in Minden. Nach guter Zusammenarbeit bei der Objektsuche in den vergangenen Jahren haben Lax und Wolf die Planung und Baubetreuung übernommen. „Wenn alles normal läuft, sollte das neue Mindener Gewerkschaftshaus Ende Juni 2017 bezugsfertig sein“, so Wolf, und freut sich auf ein spannendes Projekt.

Das Musiklokal „Papagei“ musste dem Vorhaben der IG Metall weichen und wurde Mitte/Ende Februar 2017 abgerissen

Die ersten Bauarbeiten begannen am Wochenende 18./19. Februar 2017 überraschend spontan mit dem Abriss des circa 1910 errichteten Anbaus Kaiserstraße 3 – ein Flachbau, der einst als Schankwirtschaft gedacht war. Nachdem der Betrieb jedoch erst Mitte/Ende der 1920er Jahre aufgenommen wurde, war dort alles Mögliche angesiedelt: von einer Milchbar in den 50ern über die wahrscheinlich erste Pommesbude Mindens, die „Quick“, bis hin zu einem Soulmusik-Lokal der hier stationierten englischen Soldaten. In der weißen Villa tobte derweil die Punkszene in den 80er/90er Jahren.

Ab den 2000er Jahren bezog der Mindener Verein „Papagei Am Beat e.V.“ den Anbau und nutzte auch die Stadtvilla als Unterstellplatz und Wohnfläche. Satellitenschüsseln prangten auf dem Dach und Deutschlandflaggen wehten aus den Fenstern der Villa. Der Flachbau wurde bunt angemalt und mit Aufklebern übersät, von innen mit einer Schank-Bar versehen, Sanitäranlagen und einer Bühne für Musikbands. Im Keller entstanden eine Diskothek und ein kleiner Rückzugsraum für Bands. Der „Leerraum“ zwischen Villa und Anbau diente als eine Art überdachte Terrasse bzw. Wintergarten mit Sitzbänken und Tischen, damit man auch im Freien sitzen konnte. Der Betrieb des Musiktreffs „Papagei“, wie die meisten Mindener und Schaumburger ihn dort kennengelernt haben, lief von Ende 2009 bis April 2016.

Dann erfolgte ein bitterer Kampf zwischen dem Verein und der IG Metall, da es wohl zuerst hieß, der „Papagei“ würde nicht abgerissen nach dem Kauf der Villa. Die Vereinsmitglieder forderten ihre Anhänger auf, der IG Metall E-Mails zu schreiben, dass man den Papagei zurückhaben wolle. „Der gemeinnützige Verein ‚Musiktreff AmBeat‘ soll zurück in die Kaiserstraße 3 und den immens wichtigen kulturellen Betrieb des ‚Papagei‘ wieder aufnehmen dürfen“, hieß es auf der Facebook-Seite am 20. Juli 2016. Auch wurden Solidaritätsbekundungen auf dem Social-Media-Kanal geschaltet.

Doch nur zwei Tage später hieß es in einem weiteren Facebook-Kommentar: „Wir sind nun im einvernehmlichen Austausch mit der IG-Metall Minden. Um gleich Klarheit zu schaffen: Eine Rückkehr in die Kaiserstraße 3 ist ausgeschlossen, da dieser Anbau nach dem aktuellen Planungsstand nun doch abgerissen werden soll. Darauf hat die IG-Metall Minden keinen Einfluss, sie wird in Zukunft Mieter des Herrenhauses sein und neuer Eigentümer ist eine Immobiliengesellschaft. Wir haben nun endlich ein klares Bild von der Situation an der Kaiserstraße und können endgültig einen Haken hinter die Sache machen.“

Mitte Mai 2016 waren die Villa und der Musiktreff des Vereins „Papagei am Beat e.V.“ an der Kaiserstraße in Minden noch ungetrennt – aber der Papagei bereits „ausgeflogen“

Der „Papagei“ muss sich ein neues Nest suchen. Die Mindener IG Metall erklärte ihre Bereitschaft, die „Augen offenzuhalten“. Doch zum 1. Mai 2016 musste das Lokal geräumt werden. Ein durchgestrichener Papagei, daneben in dicken weißen Buchstaben das Wort „ausgeflogen“ zierte fortan den Eingang. Marcel Komusin versetzte es jedes Mal einen Stich ins Herz, wenn er an seinem geschlossenen Vereinshaus vorbeifuhr: „Ich trauer um die Möglichkeiten, die einem entgehen. Da hätten noch so viele Bands spielen können.“

Dieser Anblick bleibt dem Vereinsvorsitzenden nun erspart. Das über hundert Jahre alte Musiklokal ist, nach ein paar Abriss-Anläufen, seit Ende Februar 2017 Geschichte. Das Wort „Kulturlücke“ klafft jetzt als Graffiti an der Außenmauer (Abrissseite des Anbaus) der zu sanierenden Gewerkschafts-Villa. Die Vereinsmitglieder sehen es mit lachendem und weinendem Auge (Facebook-Post vom 17. Februar 2017): Es ist schon ziemlich seltsam diesen Abriss zu sehen, andererseits ist es auch eine gewisse Genugtuung, endlich nicht mehr an dem Laden vorbeigehen zu müssen, welchen wir ohne Probleme noch locker hätten nutzen können. … Doch die Idee bleibt mit den Leuten, wie wir seit Sommer letzten Jahres immer mal wieder zeigen mit verschiedenen Veranstaltungen. Wir machen weiter.“

So veranstaltet der Verein beispielsweise am 15. April 2017 ab 20 Uhr eine „Soliparty“ im Kulturzentrum BÜZ mit Livebands und DJs. Der Eintritt von 5 Euro pro Person komme dem Papagei-Projekt zugute (siehe Facebook-Veranstaltung).

Papagei am Beat e.V. veranstaltet „Soliparty“ im BÜZ (Grafik des Vereins)

Zwischenzeitlich erklärten uns Jannes und Jaro vom „Papagei am Beat e.V.“ am 12. Februar 2017 während der Veranstaltung „Das neue Wir“ (siehe Bericht), dass sie „guter Hoffnung“ wären, ihr Musiklokal in der Kasernenstraße 4, dem Sitz des ehemaligen „1. PBC Minden“ (Poolbillard & Snooker Since 1986) unterbringen zu können. Es müsse nur noch eine Hürde überwunden werden, sie verrieten aber nicht welche.

Was die zweigeschossige Villa im spätklassizistischen Stil angeht, die auf einem alten Festungsgelände steht und am 27. Dezember 1983 in die Denkmalliste der Stadt Minden eingetragen wurde, wird diese nun im Eiltempo für den Einzug der Gewerkschaftsbüros vorbereitet. Das Architekturbüro Lax und Wolf wird über den Baufortschritt berichten.

Die Bilderstrecke unserer Redakteurin zeigt Archiv-Aufnahmen aus 2011, 2016 und 2017 (auch Band-Fotos sind dabei):

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Wenn Sie mit der Mouse, dem Finger oder Stift über die Slideshow fahren, können Sie die Bilder vergrößern („Fullscreen“). Sollten Sie die Slideshow nicht sehen können, haben Sie die Möglichkeit, sich diese direkt in unserer Flickr-Galerie anzuschauen.

Quelle: IG Metall Minden, Wikipedia, Papagei am Beat e.V., OctoberNews


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