„Das neue Wir“ in Minden – ein Schnupperkurs für Nachbarn

Volles Programm mit Erfolg: Rund 2500 Menschen verschiedenster Herkunft fanden an drei Tagen im Mindener Stadttheater zum ersten Kennenlernen und Feiern zusammen

Auge in Auge mit den „fremden“ Nachbarn und erste Fragen klären – das Speed Dating auf der Bühne des Mindener Stadttheaters bot Gelegenheit zum ersten Kennenlernen – Fotos: onm

Wo wohnst du in Minden? Was ist deine Lieblingsmusik, was dein Lieblingsessen? Was wünscht du dir in 2017? Antworten auf diese und andere Fragen fanden Menschen jeglichen Alters und Herkunft beim „Speed Dating – Lerne deinen Nachbarn kennen“ und anderen Aktionen im Mindener Stadttheater zum Konvent „Das neue Wir“ – ein Kennenlern-Projekt der Theaterintendantin Andrea Krauledat in Zusammenarbeit mit der Stadt Minden und zahlreichen Vereinen. Rund 2500 Besucher waren dabei.

Drei Tage am Stück war das Stadttheater Minden rappelvoll. Vom 10. bis 12. Februar 2017 engagierten sich zahlreiche Ehrenamtliche für ein gemeinsames Ziel: Berührungsängste gegen Menschen aus anderen Herkunftsländern als Deutschland, insbesondere Flüchtlinge, den einheimischen Mindener Bürgerinnen und Bürgern nehmen zu wollen. Wenn man sich Auge in Auge gegenübersteht und die ersten Worte miteinander wechselt, sehe die Welt schon ganz anders aus.

Schnappschuss mit Sofortbild-Garantie

Und tatsächlich schien der Plan der Intendantin Andrea Krauledat aufzugehen. Die im Süden Deutschlands (Villingen-Schwenningen) geborene und aufgewachsene Frau, die 2010 die Leitung des Mindener Stadttheaters übernahm, verkündete schon damals, dass sie „neue Wege gehen“ würde. Die 44-Jährige wolle auch „über den Tellerrand schauen“, verriet sie im Interview mit der Neuen Westfälischen. Mit Elisabeth Schmelzer (GreenFairPlanet e.V.), Susann Lewerenz (Pressestelle Stadt Minden) und Regina-Dolores Stieler-Hinz (Beigeordnete für Bildung, Kultur, Sport und Freizeit der Stadt Minden) an ihrer Seite tüftelte ein vierköpfiges Frauenteam an dem Projekt: „Das neue Wir“ – mit vollem Erfolg.

Wir waren am Sonntag auf Einladung von Elisabeth Schmelzer vor Ort. Sie und ihr Mann wurden erst kürzlich, am 9. Februar, für ihr Projekt „Fremde werden Freunde – im Garten Tausendschön“ mit dem Publikumspreis in Düsseldorf ausgezeichnet (Engagementpreis NRW 2016, siehe Webseite der Landesregierung Nordrhein-Westfalen). Ein guter Anlass, um die Erfolgsserie fortzusetzen.

Volles Haus bzw. Zelt bei der Schnippelparty

So veranstaltete das GreenFairPlanet-Team in einem Zelt im Innenhof des Stadttheaters eine „Schnippelparty“. Jeder, der Brettchen, Teller und Besteck mitbrachte, konnte das vorhandene Gemüse mitschnippeln, das anschließend von den rund 25 Ehrenamtlichen und Helfern zu Gemüsepfannen, Gemüsesuppen, Bratkartoffelpfanne, Couscous und Obstsalat verarbeitet wurde. „Heidi Bierbaum war die Fleißigste unter uns“, erklärte Schmelzer und „nach 220 Besuchern habe ich aufgezählt zu zählen“, freute sie sich, die selbst gerade kellenweise Gemüsesuppe verteilte. Susanne Schnake (Künstlername: Frollein Lehmann / nicht mit Jürgen Schnake verwandt), die eben noch hinter der Gemüsepfanne stand, unterhielt die Gäste im Kochzelt spontan mit ihrem Gesang.

Im Nachhinein übermittelte Schmelzer noch die exakten Zahlen, was an (geretteten und selbst geernteten) Lebensmitteln verarbeitet und verzehrt wurde: 296 Kilogramm Gemüse, 92 Kilogramm Kartoffeln, 53 Kilogramm Obst, 12 Kilogramm Couscous, 24 Liter Milch und 240 Becher Schoko- und Vanille-Milch. Auf jeden Fall war das Schnippelparty-Zelt den ganzen Nachmittag über prall gefüllt, denn das kostenlose, frisch zubereitete Essen kam gut an bei den Besuchern.

Jason Holloway beim Kinder-Graffiti

Vor dem Theatergebäude tobte sich derweil Mindens Graffiti-Künstler Jason Holloway zusammen mit zahlreichen Kindern an Kunststoffplanen aus, die extra für diese Aktion aufgespannt wurden. Vor dem Farbnebel geschützt mit überzogenem blauen Müllsack, Mundschutz und Einweghandschuhen sprühten die Kinder stolz ihre Botschaften in Text und Bild auf oder verewigten sich einfach mit Namen. Die ursprüngliche Botschaft „Das neue Wir“ verschwand im Laufe der drei Veranstaltungstage durch übersprühte neue Tags. „Macht aber nichts, Hauptsache sie haben Spaß“, freute sich Jason über den regen Anlauf.

Tobias Blickle zeigt, wo’s hakt in der Innenstadt

Währenddessen bereitete sich eine Gruppe auf die bevorstehende Rollstuhl-Stadtrundfahrt vor. Tobias Blickle vom Beirat für Menschen mit Behinderung wollte den Nicht-Behinderten mal zeigen, wie es ist, wenn man wie er auf den Rollstuhl angewiesen ist und die Hürden in der Innenstadt bewältigen muss. Erste Reaktionen wie „ist ja gar nicht schwer“ und „fährt sich ganz gut“ erleichterten den Einstieg. Zehn Rollstühle wurden dafür von der Diakonie Stiftung Salem aus Minden zur Verfügung gestellt.

Blickle war ein wenig aufgeregt, diese ungewöhnliche Stadtrundfahrt veranstaltete er das erste Mal. Doch er fackelte nicht lange, kurze Einführung und schon ging’s los. Über den Marktplatz mit Kopfsteinpflaster machte er auf die Martinitreppe aufmerksam, wo demnächst ein Fahrstuhl die Überquerung nach oben zum Martinikirchhof und umgekehrt erleichtern soll. Abgesehen von der Obermarktstraße mit einer Steigung von rund 25 Prozent (wo 6 Prozent nur erlaubt wären, so Blickle), standen die Teilnehmer plötzlich vor einem Caféhaus mit unüberwindbarer Stufe wie der „Ochs vorm Tore“ – Rollstuhlrampe Fehlanzeige, Reinkommen nicht möglich.

Schnellkurs für Nicht-Behinderte – Auftakt zur Rollstuhl-Stadtrundfahrt

In einem anderen Laden rutscht der Eingangsteppich auf den Fliesen. An der Hufschmiede seien viel zu schmale Bordsteine angelegt und das Kopfsteinpflaster sei nicht überfahrbar. Deutlich besser fahre man über den neuen Scharn, bemerkte der 37-Jährige. Ebenerdige Pflastersteine und ein Podest in der Mitte, das von ein paar Seiten problemlos mit dem Rollstuhl befahrbar sei, selbst auf dem Weihnachtsmarkt trotz zahlreicher Buden. Alles in allem fand er seine erste Rollstuhl-Stadtrundfahrt „toll“. Doch es sei noch viel zu tun, damit Minden eine barrierefreie Stadt wird, wie er den Teilnehmern praxisnah eindrucksvoll vermitteln konnte.

Auf dem „Markt der Möglichkeiten“ präsentierten sich in der Zwischenzeit im Stadttheater mehr als 40 Vereine, Bündnisse und Organisationen aus Minden. Unter anderem warb die Stadtbibliothek für die Veranstaltung „Nacht der Bibliotheken“ am 10. März (19 bis 21.30 Uhr, Eintritt frei). Andreas Schöneberg plakatierte für das „Weserlieder Open Air“ am 28./29. Juli. Die „Rodenbeck Expert*innen“ vom Westside Jugendhaus wiesen auf ihre Führungen durch den Stadtteil Rodenbeck hin (Dienstag bis Samstag ab 15 Uhr, kjtwestside@gmail.com).

„Markt der Möglichkeiten“ in stimmungsvoller Theaterkulisse

Der Caritasverband Minden machte Werbung für seinen „Fachdienst für Integration und Migration“ und sucht Gastfamilien unter dem Motto „Tapetenwechsel“. Am Stand der DLRG Ortsgruppe Minden konnte man sich über aktuelle Kursangebote informieren. Das Café Klee aus der Oberen Altstadt verfasste seine Flyer in 11 Sprachen, um auf die kulturelle Vielfalt der Stadt aufmerksam zu machen und ihren Treff „Café der Kulturen“ (jeden Montag 16 bis 20 Uhr). Außerdem veranstalten sie gemeinsam mit „Musiktreff am Beat (Papagei)“ und „Minden gegen Rechts“ am 27. Februar ab 18 Uhr den ersten „Montags Jam“ mit lokalen Musikern.

Fliegt der „Papagei“ bald in die Kasernenstraße?

Was den „Papagei“ betrifft, mussten die Musikfreunde bekanntlich letztes Jahr die Lokalität an der Kaiserstraße räumen, um Platz zu machen für einen auf dem Grundstück geplanten Parkplatz neben der weißen Villa, die einen neuen Besitzer fand. Doch die Vereinsmitglieder sind jetzt guter Hoffnung, ihr Musiklokal in der Kasernenstraße 4, dem Sitz des ehemaligen „1. PBC Minden“ (Poolbillard & Snooker Since 1986) unterbringen zu können, es müsse nur noch eine Hürde überwunden werden, erklärten Jannes und Jaro, verrieten aber nicht welche.

HOPE-Menschen – die Unterstützer in allen Lebenslagen

Zudem trafen wir auf die Gruppe von „HOPE hilft e.V.“, deren Räume für das erfolgreiche Projekt „Kleiderkammer“ in Rodenbeck (siehe Bericht) von der EDEKA Minden nicht länger zur Verfügung gestellt wurden. Am aktuellen Standort „Am Rathaus 11“ haben sie nicht mehr den Platz für so viel Kleidung und Möbel. Daher bieten sie ihre Dienste Hausaufgabenhilfe, Deutschunterricht, Ausflüge, Treffpunkt und Unterstützung in allen Lebenslagen überwiegend über ihre Website hopehilft.de an. Insbesondere die „Möbelbörse“ erfreue sich großer Beliebtheit. Was aus dem wieder einmal leerstehendem Ladengebäude in Rodenbeck wird, äußerten sie die Vermutung, dass hier Penny oder Lidl einziehen könnte. Genaueres wüssten sie aber nicht.

Die Helfer im Notfall: Athanasios Vlachos und Elke Siegmund vom Seniorenbeirat Minden

Mit offenen Armen wurden wir von dem lebenslustigen Athanasios Vlachos und der ebenfalls stets aktiven Elke Siegmund am Stand des Seniorenbeirats der Stadt Minden begrüßt. Die beiden verteilten Notfallkarten an die Besucher, handliche Faltkarten, in die man alle erdenklichen Daten rund um Erkrankungen, aktuelle Medikation und Patientenverfügung eintragen kann, um diese im Notfall an den Rettungsdienst und Ärzten weiterleiten zu können – vorausgesetzt, man trägt sie stets bei sich und hält sie auf dem neuesten Stand. „Die Notfallkarten wurden zu Tausenden gedruckt“, erklärte Siegmund. Vor allem aber machten sie auf den „Gesundheitstag“ am 11. Mai beim Treffpunkt Johanniskirchhof aufmerksam.

Arbeitsagentur-Mitarbeiterin spricht gezielt ausländische Mitbürger auf Stellenanzeigen an

Des Weiteren stellte die Agentur für Arbeit Minden an zwei Tafeln Stellenanzeigen von Melitta, Ornamin, Sitex, Trendsalon (Friseur), WEZ, Zima Kammeier (Friseur), Ahnefeld, Bertermann (Bäckerei), Bruns Logistik, Edeka, Follmann Chemie, McDonald’s und Efes (Restaurant) aus. Gesucht werden damit Produktionshelfer, Küchenhelfer, Putzkräfte, Zeitungszusteller, Warensortierer, Umzugshelfer, Wäschereihelfer und Friseurhelfer. Einzig die Sparkasse Minden-Lübbecke bot ein Praktikum an. Während eine Mitarbeiterin gezielt ausländische Mitbürger ansprach, erklärte ein Mitarbeiter am Stand, dass interessierte Bewerber aber noch zu einem ausführlichen Gespräch eingeladen würden, wo alles Weitere geklärt werden könne.

Auf dem Weg zur „offenen Bühne“, wo diverse Künstler/innen mit Jonglieren, Chorgesang, Tänze und einzelne Gesangstalente für Unterhaltung sorgten, trafen wir im Theatercafé auf Bürgermeister Michael Jäcke, der gerade in ein Gespräch verwickelt war. Auch er wirkte laut Pressemeldung der Stadt Minden mit eigenem Messer und Brettchen an der „Suppe der Vielfalt“ (Gemüsesuppe) und dem Couscous im Schnippelparty-Zelt mit. Hauptsächlich aber eröffnete er am Freitag zusammen mit dem Bundestagsabgeordneten Achim Post (SPD, SPE, MdB), der Landtagsabgeordneten Kirstin Korte (CDU) und der Theaterleiterin Krauledat die Veranstaltung, stand für Diskussionen zur Verfügung und mischte sich unter die Leute.

Boom! Die 11-jährige Chayenne Möller haut vom Hocker mit ihrer Stimme

Schwer beeindruckt hat uns die 11 Jahre junge Solo-Sängerin Chayenne Möller, die – ähnlich dem von den „Muckertreffen“ bekannten Ausnahmegesangstalent Carmen Habbe – schüchtern auf die Bühne schritt, doch dann mit ihrer bereits ausgeprägten Rockstimme vom Hocker riss. Kein Wunder, die beiden Mädchen haben eines gemeinsam: Beide waren auf einer Musikschule – Chayenne in der Musikschule Minden und Carmen in der Chorschule der Christuskirche TOOKULA – bekannt seit vielen Jahren für ihre Stimmgewalten, wie sie mit einem großen Ensemble und afrikanisch klingenden Songs am Sonntag bewiesen.

So richtig futuristisch wurde es dann im Keller des Theaters. Hier konnten sich Kinder per Virtual-Reality-Brille an einem Geschicklichkeitsspiel (Game) ausprobieren, mit einer Art Kugelhandleuchten im Raum bewegend ein klassisches Musikkonzert am Bildschirm steuern, Kinderfilme an der Leinwand anschauen und das „neue Minden“ an der Mindcraft-Konsole bauen – mit beeindruckenden Ergebnissen und einem Geschick, das manche Architekten wahrscheinlich nur zu träumen wagen. Auf die Frage an einen Jungen, warum er denn keine Metallelemente beim Hausbau verwende, folgte die überzeugende Antwort, dass „Holz doch viel natürlicher“ sei.

Völlig losgelöst von der Erde mit VR-Brille

Schlussendlich konnte jeder, der wollte, sich mit dem gelben Ortsschild „Minden – Das neue Wir“ fotografieren lassen und ein Sofortbild mitnehmen. Außerdem gingen rund 450 „Willkommens-Taschen“ am Sonntag als Geschenk über den Tresen – schwarze Jutetaschen mit Minden-Logo, die Kugelschreiber, Blocks, eine Imagebroschüre der Stadt Minden, Luftballons und Fairtrade-Schokolade enthielten.

Theaterleiterin Andrea Krauledat bedankte sich schließlich im sozialen Netz mit den Worten: „Danke an alle Beteiligten und Besucher*innen der drei Tage ‚Das neue Wir‘ im Stadttheater Minden. Es ist so geworden, wie wir es uns erhofft und erträumt haben: ein friedliches Fest mit den unterschiedlichsten Menschen … Musik, Theater, Essen, Trinken, Tanzen, Austausch, Diskussion und Kennenlernen.“

Jetzt aber unsere geballte Fotostrecke:

<a href="https://flic.kr/s/4gLq58o" target="_blank">Click to View</a>

Wenn Sie mit der Mouse, dem Finger oder Stift über die Slideshow fahren, können Sie die Bilder vergrößern („Fullscreen“). Sollten Sie die Slideshow nicht sehen können, haben Sie die Möglichkeit, sich diese direkt in unserer Flickr-Galerie anzuschauen.

Einen TIPP gibt’s noch zum Schluss:
Das Stadttheater Minden gewährt jederzeit Sozialrabatt! Sprich, jeder Leistungsempfänger von Grundsicherung (SGB II), Arbeitslosengeld (SGB III) und Sozialhilfe (SGB XII) kann ab 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn noch verfügbare Karten für 1 Euro pro Stück an der Tageskasse erwerben. Ansonsten erhalten sie 50 Prozent Ermäßigung – genau wie Schwerbehinderte, Schüler (außer Kindertheater), Auszubildende, Studenten, Freiwilligendienstler (Bufdi, FSJ etc.). Nur ein entsprechender Nachweis ist vorzulegen.

Ein kleiner Ansporn für diejenigen, die weniger Geld in der Tasche haben, auch außerhalb von „Das neue Wir“ Theaterluft zu schnuppern.


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