Danke Deutschland! „Minden bleibt bunt“-Demo verlief friedlich

1700 Menschen folgten dem Aufruf von Jan Hersemann und "Minden gegen Rechts" und demonstrierten in der Stadt Minden gegen Gewalt und rassistische Stimmungsmache

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Mit „Danke Deutschland“ bedankten sich Syrer bei der „Minden bleibt bunt“-Demonstration für die Aufnahme in der Stadt Minden und betonten, dass sie sich gegen Sexismus und Gewalt sowie für ein freies Leben einsetzen – Fotos: onm

Alles, was Rang und Namen in der sozialen Szene Mindens und Umgebung hat, versammelte sich am vergangenen Samstag zu einer Demonstration unter dem Motto „Minden bleibt bunt“. Rund 1700 Demonstranten folgten dem Aufruf von Jan Hersemann und dem Bündnis „Minden gegen Rechts“ und zogen von Kanzlers Weide über die Weserbrücke, durch die Bäckerstraße, den Scharn bis zum Marktplatz der Innenstadt zur Abschlusskundgebung. Aus Sicht der Polizei verlief die Demonstration friedlich und störungsfrei.

BM Michael Jäcke

Bürgermeister Michael Jäcke sprach sich eindeutig gegen Rassismus in der Stadt Minden aus und für ein friedliches Miteinander

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal gegen Rassismus und Nazis auf die Straße gehen müsste“, erklärte der 20-jährige, in Bielefeld aufs Grundschullehramt studierende Jan Hersemann, Anmelder der Demonstration „Minden bleibt bunt“ und Bündnismitglied von „Minden gegen Rechts“. Er wollte eine „große Demo mit möglichst vielen Menschen“ erreichen, um sich gemeinsam gegen Gewalt allgemein, sexualisierte Gewalt, rassistische Stimmungsmache und die Vereinnahmung von Diskussionen durch Rechtspopulisten aussprechen zu können. Denn seiner Meinung nach, in Anlehnung an die Kölner Silvesternacht, „gehen Übergriffe an Frauen nicht mehrheitlich und schon gar nicht ausschließlich von Flüchtlingen aus“. Zwei- bis dreitausend Menschen sind es nach seinem Wunsch zwar nicht geworden, aber immerhin haben sich in der Stadt Minden rund 1700 Leute (nach Einschätzung der Polizei Minden-Lübbecke, eine Bielefelder Polizistin schätzte ca. 1500) versammelt.

Darunter befanden sich unter anderem keine geringeren als Mindens Bürgermeister Michael Jäcke, der trotz Erkältung eine bewegende Rede bei der Abschlusskundgebung zum Besten gab und klar machte, dass Minden auch weiterhin bunt bleiben wird, die Stellvertretende Bürgermeisterin Ulrieke Schulze, die sich unter die Menge mischte, Ex-Bürgermeister Michael Buhre, der sich für Fragen und Interviews zur Verfügung stellte, und Ex-Bürgermeisterkandidat Jürgen Schnake, der sich selbst ein Bild von der Demonstration machen wollte und sich dem Aufmarsch anschloss.

Minden gegen Rechts Demo

Rund 1700 Menschen zogen am 27. Februar 2016 durch die Mindener Innenstadt, um gemeinsam gegen Gewalt, rassistische Stimmungsmache und die Vereinnahmung von Diskussionen durch Rechtspopulisten zu demonstrieren

Unter rund 60 Vereinen aus Minden, Minden-Lübbecke, OWL und Bielefeld, die sich im Vorfeld als Mitunterzeichner eintrugen, zeigten am Samstag vor allem Amnesty International Minden, die Piratenpartei, Jusos der SPD, HOPE – Die Kleiderkammer, Wildwasser e.V., Schüler aus Minden und Die Linke Flagge. Aufgrund vorneweg marschierender, laut schreiender vermummter Autonome gingen die Hauptakteure, die Mitglieder des Bündnisses Minden gegen Rechts, sowie Einzelakteure mit ihren handbemalten und -beschrifteten Schildern jedoch etwas unter beim Demonstrationszug durch die Stadt – dem sich auffallend viele Syrer und Menschen verschiedenster Herkunft anschlossen.

Doch nicht, um ihrem Unmut Platz zu machen, sondern „Danke Deutschland“ zu sagen für ihre Aufnahme und sich eindeutig „gegen Sexismus und ein freies Leben ohne Gewalt“ auszusprechen – eine klare Ansage der männlichen Syrer, dass nicht jeder Immigrant pauschal als Terrorist abgestempelt werden sollte, insbesondere nach dem bekannten spontanen gruppalen Übergriff und den Diebstählen von überwiegend männlichen Marokkanern in Köln in der Silvesternacht 2015/2016.

Jana Sasse

Jana Sasse, Stadtverbandsvorsitzende der Portaner Grünen, betrachtet Menschen mit Migrationshintergrund als eine Bereicherung

Denn „sie haben Namen wie Amira, Ermias, Fatemeh, Kamal, Said oder Yusuf und Berufe wie Lehrer, Elektriker, Friseur, Goldschmied oder Künstler, erklärte Jana Sasse (21), Stadtverbandsvorsitzende der Portaner Grünen, die sich auch in einem Flüchtlingsheim in Porta Westfalica engagiert, in ihrer Rede auf Kanzlers Weide. „Sie alle haben eins gemeinsam: Sie haben ihr bisheriges Leben aufgegeben und sind auf der Flucht. Menschen, die fliehen, lassen alles zurück: ihr Haus, den Besitz und auch ihr soziales Netzwerk wie Familie und Freunde. Niemand tut so etwas freiwillig.“ Menschen mit Migrationshintergrund betrachtet sie als eine Bereicherung, von denen Talenten und Wissen man lernen könne. „Vieles, was wir heute als ‚typisch Deutsch‘ ansehen, ist durch andere Länder und Kulturen geprägt worden. Bier wurde auf dem Gebiet des heutigen Irak erfunden.“ (Genauer: Mesopotamien, siehe Wikipedia). „Eine bessere Welt ist möglich“, betonte sie, „wenn wir alles gemeinsam machen.“

Davon ist auch Mamadou Bobo Diallo überzeugt. Für den 31-Jährigen „ist es wichtig, dass Menschen, die einander nicht kennen, versuchen sollten, aufeinander zuzugehen“. Einerseits kritisierte er in seiner Bühnenrede auf Kanzlers Weide die mangelnde Sicherheit in Flüchtlingsheimen, die zuhauf attackiert und angezündet werden, sowie die rassistische Hetze gegen Ausländer. Andererseits freut er sich darüber, „dass Frauen hier in Deutschland in verschiedenen Lebensbereichen couragiert und motiviert sind“ und für ihre Rechte kämpfen, und dass es Menschen gibt, „die offen sind und mit uns in Kontakt seien möchten“ – das gebe ihm Kraft. Sein Anliegen lautet: „Haben Sie keine Angst. Wir sind Menschen wie Sie. Auch wenn unsere Sprache, unsere Hautfarbe, unsere Religion oder unsere Herkunft unterschiedlich sind, sollte unsere Meinung in einem Punkt gleich sein: Toleranz und Akzeptanz sind die Basis für ein gutes Miteinander.“

Mamadou Bobo Diallo

Mamadou Bobo Diallo betonte, dass man keine Angst vor Menschen mit anderer Hautfarbe, Religion oder Sprache haben brauche – sie sind Menschen wie „du und ich“

Die Bündnismitglieder von „Minden gegen Rechts“ zeigten, wie der Name schon sagt, eindeutig Position gegen rechte Gesinnung und freuten sich sichtlich über die zahlreichen selbstgestalteten Transparente und Plakate. Schon im Vorfeld traf man sich zu einem offenen Plenum im Bootshaus des Kanusportvereins (KSG) der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule am Weserufer, um Ideen auszutauschen, wo es hieß: „Wir sind für alles offen, Hauptsache es wird bunt“, so Hersemann. Personen, die rechtsextremen bzw. rechtspopulistischen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, wurden von der Demonstration von vornherein ausgeschlossen.

Minden bleibt bunt Schild

Die Veranstalter von „Minden gegen rechts“ gingen in der Menschenmasse ein bisschen unter mit ihrem Demonstrationsmotto „Minden bleibt bunt“

Tatsächlich sah man nur vereinzelte vermummte Rechtsgesinnte am Rande stehen und ein paar Jugendliche, die so was wie „gleich können wir uns prügeln“ äußerten. Ein Aufgebot an polizeilichen Einsatzkräften aus Minden-Lübbecke und der 4. BPH Bielefeld (Bereitschaftspolizeihundertschaft NRW) verhinderte durch Straßensperren und ihrer guten Verteilung entlang der Menschenmenge, dass es zum Eklat kam. Vereinzelt waren sie auch Ansprechpartner für die Bürgerinnen und Bürger, die gerade in der Innenstadt shoppen oder einfach zu Besuch waren und von der Demonstration überrascht wurden.

Jan Hersemann

Veranstalter Jan Hersemann rief zum Spenden für „Minden gegen Rechts“ auf

Zudem machten sich die Bündnismitglieder die Mühe und veröffentlichten ihren Veranstaltungsflyer in fünf Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch und Türkisch). Denn dem Bündnis erschien es wichtig, „vor allem Flüchtlingen die Chance zu geben, sich politisch äußern zu können. Viele seien schockiert über die Vorfälle in Köln, hätten aber keine Möglichkeit, diesen Schock zu demonstrieren“.

Zur Abschlusskundgebung versammelten sich die Demonstranten auf dem Marktplatz von Minden, wo von Rodenbecks Quartiermanager Guido Niemeyer ein Lkw als Bühne gestellt wurde. Neben Jan Hersemann, der unter anderem zum Spenden aufrief, meldeten sich hier Bürgermeister Jäcke und Vereinsmitglieder zu Wort, wie auch Mindens Integrationsvorsitzender Kameran Ebrahim, der die Problematik rund um Flüchtlinge wie kein anderer erklärte und auf den Punkt brachte:

„Diskriminierungserfahrungen dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden oder mit Aussagen wie ‚so etwas gibt es bei uns nicht‘ beiseite geschoben werden, nein, sie müssen besprochen und reflektiert werden.“ Als gebürtiger Syrer, der im Dezember 2014 von Bundestagsabgeordneten Achim Post für seine vorbildliche ehrenamtliche Arbeit im Kreis Minden-Lübbecke gewürdigt wurde, weiß er, wovon er spricht. Er bemerkte, „dass die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln für Migranten nicht akzeptabel sind“ und er davon überzeugt sei, dass es sich „bei den Tätern nicht um Flüchtlinge, sondern um Kriminelle, die über die Grenzen hinweg aktiv sind“, handele. Seiner Meinung nach dürfe man sich „weder von der Hetze der Rechtsradikalen noch von radikalen Migranten, die den Islam benutzen, beeinflussen lassen“.

Kameran Ebrahim

Mindens Integrationsbeauftragter Kameran Ebrahim brachte die Diskussion rund um Flüchtlinge in seiner Rede auf den Punkt

Daher sei es „gut zu sehen, dass die deutsche Bevölkerung gemeinsam mit den Zugewanderten die Flüchtlinge bei der Integration in Minden und im Kreis Minden-Lübbecke unterstützt“, so Ebrahim weiter, kritisierte aber aus eigener Erfahrung, dass manchmal übersehen würde, dass es für Flüchtlingsfamilien nicht leicht wäre, Tag für Tag als Übersetzer mit Flüchtlingen unterwegs zu sein. „Die Dienststellen des Kreises und der Kommunen haben sich noch immer nicht interkulturell geöffnet, das heißt, die Flüchtlinge können ohne ausreichende Deutschkenntnisse ihre Angelegenheiten dort nicht erledigen, ihre notwendigen Anträge nicht ausfüllen.“ Daher fordert er, dass „Zuwanderer, besonders aus den orientalischen Ländern, in den Ämtern der Behörden, in den Beratungsstellen mit ihren Kompetenzen eingestellt werden“. Das sei seiner Meinung nach „Interkulturelle Öffnung“.

Auch wandte sich Ebrahim mit seinen Worten direkt an die Flüchtlinge vor Ort: „Ich weiß, dass man nun in der Fremde lebt, aber natürlich in seinem Herzen seine Wurzeln aus der Heimat behält, deshalb erwartet niemand von Ihnen, Ihre Kultur oder Ihre Identität aufzugeben. Sie haben Ihren Platz in dieser bunten Gesellschaft. Sie sollten sich allerdings aktiv in die Gestaltung der Zukunft einmischen, denn ohne Sie werden es die ‚Biodeutschen‘ nicht schaffen.Sodann betonte er, dass man den „Vorstellungen eines Shariastaates klar entgegentreten“ müsse und man nicht vergessen dürfe, dass Einheimische und Migranten in Deutschland die „große Chance haben, in einer Demokratie zu leben, in der die Menschenrechte und die Gesetze geachtet werden“.

Letztendlich bedankte sich Ebrahim bei den anwesenden Demonstrationsteilnehmern, dass der erste Schritt getan sei und man auf dem richtigen Weg sei, und zitierte Victor Hugo: „Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie die Unerreichbare, für die Furchtsamen ist sie die Unbekannte, und für die Mutigen ist sie die Chance.“ – „Lassen Sie uns mutig sein und die Zukunft als Chance sehen“, verabschiedete er sich.

Rebekka Wittig-Vogelsmeier

Rebekka Wittig-Vogelsmeier spiegelte mit tiefen Tönen aus ihrem Cello die heutige Flüchtlingssituation wider

Ein perfektes Abschlusswort zu dieser Veranstaltung – wenn da nicht noch die bezaubernde Cellistin wäre, die nach einem Aufruf von „Minden gegen Rechts“ sich als einzige Musikerin meldete und wagte, die Bühne zu betreten. Die meisten der Demonstranten machten sich zu dieser Zeit bereits auf den Weg nach Hause, konnten daher nicht wissen, was für eine musikalische Koryphäe ihnen am Samstagnachmittag entging:

Rebekka Wittig-Vogelsmeier spielt seit ihrem sechsten Lebensjahr Cello und wurde bereits 1998 beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Nach dem Studium der gebürtigen Magdeburgerin an der Universität der Künste in Berlin mit Diplom und erfolgreich absolviertem Konzertexamen entdeckte die heute 35-Jährige ihre Liebe zu Opern an der Staatsoper Berlin. Sodann spielte sie am Gewandhaus zu Leipzig und ist seit 2009 Mitglied des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover. In Minden hat sie ihr neues Zuhause gefunden.

„Ich habe hier eigentlich durch Zufall gespielt, die Ankündigung bei Facebook gefunden“, erzählte sie. „Ich wusste nicht, dass ich als einzige Musikerin spielen werde.“ Aber sie hatte sich gut vorbereitet und gezielt drei Stücke passend zur Veranstaltung ausgewählt: „Präludium“ G-Dur aus der Suite Nr. 1 von Johann Sebastian Bach, „Lamento“ von Benjamin Britten und „Flamenco“ von Rogelio Tagell. Und das waren Töne, die tief unter die Haut gingen – besser konnte man die aktuelle Flüchtlingssituation mit all seinen Problemen wohl nicht ausdrücken.

Nun aber zu unserer Bilderstrecke:

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Wenn Sie mit der Mouse, dem Finger oder Stift über die Slideshow fahren, können Sie die Bilder vergrößern („Fullscreen“). Sollten Sie die Slideshow nicht sehen können, haben Sie die Möglichkeit, sich diese direkt in unserer Flickr-Galerie anzuschauen.


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